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Zwei „Geisterarten“ in Neuguinea: Langfinger-Baumschläfer und Ringelschwanz-Gleiter leben noch

Forscher im Wald untersucht zwei kleine Beuteltiere auf einem moosbedeckten Baumstamm bei Sonnenlicht.

Zwischen bemoosten Baumriesen und Tälern, die kaum kartiert sind, zeigen sich zwei winzige Beuteltiere, die offiziell seit Jahrtausenden als verschwunden galten. Was zunächst wie ein Irrtum der Naturgeschichte wirkt, entpuppt sich als wissenschaftlicher Ausnahmefund – und zugleich als alarmierendes Signal für einen der artenreichsten Regenwaldkomplexe der Erde.

Wie „Geisterarten“ unerwartet wieder auftauchten

Der Ausgangspunkt liegt in den 1990er-Jahren: In Höhlen im Westen Neuguineas stossen Forschende auf fossile Zähne zweier bislang unbekannter Beuteltiere. Die Datierungen sind eindeutig – die jüngsten Funde sind etwa 6.000 Jahre alt. Damals schien die Sache klar: Die Tiere mussten verschwunden sein, ausgerottet oder durch andere Arten verdrängt.

Heute werden die beiden Arten so bezeichnet:

  • Langfinger-Baumschläfer (Dactylonax kambuayai)
  • Ringelschwanz-Gleiter (Tous ayamaruensis)

Über mehr als zwei Jahrzehnte bleibt es bei Knochen und Zähnen: keine lebenden Tiere, keine belastbaren Hinweise aus dem Wald. Erst 2019 sorgt ein Foto eines unbekannten Beuteltiers für neue Dynamik. Das Bild stammt von der abgelegenen Vogelkop-Halbinsel im Westen Neuguineas, politisch zu Indonesien gehörend.

Für das internationale Team um den Australier Tim Flannery und den Zoologen Kristofer Helgen wird diese Aufnahme zum Startschuss. In den folgenden Jahren sammeln sie Indizien, werten Spuren aus, sprechen mit Menschen vor Ort und bereiten Expeditionen in Bergregenwälder vor, die wissenschaftlich bislang kaum betreten wurden.

"2026 steht fest: Beide Arten leben tatsächlich noch – und zwar mitten in den alten Regenwäldern der Vogelkop-Halbinsel."

Die Forschenden zählen die Tiere zu den sogenannten „Lazarus-Arten“: Arten, die lange als ausgestorben geführt wurden und erst Jahrzehnte oder sogar Jahrtausende später wieder eindeutig nachgewiesen werden.

Mini-Beuteltiere mit extremen Spezialfähigkeiten

Der Langfinger-Baumschläfer – das „Aye-Aye“ von Neuguinea

Mit nur etwa 200 Gramm Körpergewicht – in etwa so viel wie ein großer Apfel – ist der Langfinger-Baumschläfer der kleinste Vertreter der gestreiften Baumschläfer. Unübersehbar ist dabei ein besonderes Merkmal: der stark verlängerte vierte Finger an jeder Hand.

Diesen Finger nutzt das Tier wie ein präzises Spezialwerkzeug. Es tastet damit Spalten und Ritzen der Baumrinde ab, lokalisiert Insektenlarven und holt sie geschickt heraus. Das Vorgehen erinnert an das Aye-Aye aus Madagaskar, das nach einem ähnlichen Prinzip jagt. So erschliesst sich der Baumschläfer eine Nahrungsquelle, an die viele andere Waldbewohner praktisch nicht herankommen.

Das bringt ihm zwei klare Vorteile:

  • Er gerät kaum in Konkurrenz mit anderen Arten um dieselbe Nahrung.
  • Er kann in einem sehr eng begrenzten „Mikrolebensraum“ bestehen – direkt unter der Rinde alter Bäume.

Der Ringelschwanz-Gleiter – ein lebender, gleitender „Fallschirm“

Etwas schwerer, rund 300 Gramm, ist der Ringelschwanz-Gleiter. Seine auffälligste Fähigkeit steckt bereits im Namen: Eine Hautmembran zwischen Vorder- und Hinterläufen ermöglicht ihm, von Baum zu Baum zu gleiten – vergleichbar mit einem fliegenden Eichhörnchen.

Zu seinen wichtigsten Merkmalen zählen:

  • Gleitflug: Die Membran arbeitet wie ein Gleitschirm. Damit kann er im Kronendach weite Strecken überwinden, ohne den Boden betreten zu müssen.
  • Greifschwanz: Die ringförmig gezeichnete, bewegliche Schwanzspitze dient als „fünftes Bein“, um sich an Ästen und Lianen festzuhalten.
  • Familienmodell: Der Gleiter lebt monogam. Ein Paar bleibt meist ein Leben lang zusammen und zieht nur ein Jungtier pro Jahr auf.

Für die Säugetierkunde ist dieser Fund besonders bedeutsam: Der Ringelschwanz-Gleiter steht für das erste vollständig neue Beuteltier-Genus, das in Neuguinea seit 1937 beschrieben wurde. Damit stellt er die bisherige Systematik der Beuteltiere in der Region spürbar auf den Prüfstand.

Wenn indigisches Wissen der Wissenschaft voraus ist

Für die lokalen Gemeinschaften kommt die Existenz der Tiere keineswegs überraschend. Vor allem die Maybrat auf der Vogelkop-Halbinsel kennen den Ringelschwanz-Gleiter seit Generationen; er ist Teil von Erzählungen, Ritualen und auch der kindlichen Sozialisation.

Entsprechend eng arbeiteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Mitgliedern der Maybrat sowie der Tambrauw-Gruppen zusammen. Eine Maybrat-Frau, Rika Korain, ist als Mitautorin an der Studie beteiligt und unterstützte die sichere Zuordnung und Bestimmung der Arten.

"Was in westlichen Archiven als „ausgestorben“ galt, gehörte für die Menschen vor Ort längst zum lebendigen Alltag."

Der Fall unterstreicht, wie effektiv sich traditionelles Wissen und moderne Forschung gegenseitig ergänzen. Ohne die Hinweise der Menschen vor Ort wären die kleinen Beuteltiere im schwer zugänglichen Bergregenwald kaum aufzuspüren gewesen.

Geheimhaltung als Schutz – und die grosse Gefahr der Motorsägen

Auf die Freude über den Sensationsfund folgt unmittelbar eine heikle Frage: Wie lässt sich verhindern, dass Sammler, Zoohändler oder der illegale Heimtiermarkt auf diese extrem seltenen Beuteltiere aufmerksam werden?

Das Forschungsteam entscheidet sich daher für einen ungewöhnlichen Schutzschritt: Exakte Fundort-Koordinaten werden nicht veröffentlicht. Öffentlich ist lediglich von abgelegenen, alten Bergwäldern auf der Vogelkop-Halbinsel die Rede; selbst in Fachkreisen zirkulieren nur stark begrenzte Informationen.

Parallel dazu steht jedoch ein noch grösseres Risiko im Raum: die Abholzung. Neuguinea umfasst einige der letzten grossflächigen, weitgehend unberührten Regenwälder der Erde. Dennoch dringen in vielen Gebieten Holzkonzerne, Palmölplantagen und Bergbauprojekte immer weiter vor.

Gefährdungsfaktor Auswirkung auf die Beuteltiere
Abholzung alter Wälder Verlust von Baumhöhlen, Gleitstrecken und Insektennahrung
Wildtierhandel Fang für den Exotenmarkt, Stress und hohe Sterblichkeit
Strassenbau Zerschneidung des Lebensraums, leichte Zugänglichkeit für Jäger

Beide Arten werden von Fachleuten inzwischen als bedroht eingeschätzt. Das wirkt beinahe widersprüchlich: Kaum gelten sie als „wiederentdeckt“, stehen sie schon wieder kurz vor dem Absturz.

Warum diese Entdeckung unser Bild von Artensterben verändert

Die Funde aus Neuguinea machen deutlich, wie unsicher selbst scheinbar eindeutige Kategorien in der Biologie sein können. „Ausgestorben“ heisst in der Praxis oft nur: Trotz wiederholter Suche wurde über lange Zeit kein Exemplar mehr beobachtet. In schwer erreichbaren Regenwäldern, Gebirgen oder Meeresräumen können Arten sich über sehr lange Zeiträume dem Blick entziehen.

Für den globalen Artenschutz lassen sich daraus mehrere Punkte ableiten:

  • Viele Lebensräume sind wissenschaftlich noch längst nicht vollständig erfasst.
  • Alte Wälder fungieren als Rückzugsräume, in denen „vergessene“ Arten überdauern können.
  • Indigisches Wissen kann entscheidende Hinweise liefern, wo solche „Überlebenden“ zu finden sind.

Gleichzeitig birgt der Begriff „Lazarus-Arten“ die Gefahr, das Artensterben kleinzureden – nach dem Motto: „Taucht vielleicht irgendwann wieder auf.“ Fachleute warnen ausdrücklich vor dieser Haltung. Denn für jede Art, die spektakulär wieder auftaucht, verschwinden Hunderte leise und unwiederbringlich.

Was diese Mini-Marsupialer so verletzlich macht

Kleine, hoch spezialisierte Baumbewohner reagieren besonders empfindlich auf Veränderungen. Sie sind angewiesen auf:

  • alte, strukturreiche Wälder mit vielen Baumhöhlen
  • ein geschlossenes Kronendach für Gleitflüge und Schutz
  • ausreichend Insekten und Baumsäfte als Nahrungsquelle

Schon selektiver Holzeinschlag kann diese Voraussetzungen zerstören. Fehlen Gleitstrecken, oder verschwinden alte Stämme mit Larvengängen aus dem Bestand, bricht beiden Arten die Lebensgrundlage weg. Hinzu kommt: Monogamie und nur ein Jungtier pro Jahr führen dazu, dass Populationen langsam reagieren – Verluste lassen sich kaum rasch ausgleichen.

Was die Funde für uns bedeuten

Die Geschichte dieser zwei Beuteltiere liest sich fast wie ein Naturmärchen, ist aber hochgradig gegenwartsbezogen. Sie zeigt, wie viel sich im Verborgenen abspielt, während weltweit über Zahlen und Trends zum Artensterben diskutiert wird. Und sie verdeutlicht: Jeder intakte Urwald-Block kann mehr bewahren, als Satellitenbilder oder Datenbanken vermuten lassen.

Für Naturschutzorganisationen sind solche Nachweise oft ein starkes Argument gegenüber Politik und Wirtschaft. Wo extrem seltene, wissenschaftlich bedeutsame Arten sicher vorkommen, sinkt in der Regel die Akzeptanz für Holzeinschlag oder neue Plantagen. In Neuguinea könnten ausgerechnet diese zwei Winzlinge – einer mit langem Finger, der andere mit Gleitmembran – künftig mit darüber entscheiden, ob ganze Bergketten unter Schutz gestellt werden.

Wer sich mit globaler Biodiversität beschäftigt, sollte Neuguinea deshalb fest im Blick behalten: Kaum eine Region vereint so viele unbekannte Arten, so viel indigenes Wissen – und zugleich so starken Druck durch wirtschaftliche Interessen. Die beiden „Rückkehrer“ aus der Tiefe der Zeit sind ein selten deutlicher Hinweis darauf, wie knapp die Zeit für den Schutz dieser Wälder geworden ist.

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