Im Südpolarmeer, unweit der antarktischen Halbinsel, hat eine eher unspektakulär wirkende Tiefseekamera Material geliefert, das Meeresbiologinnen und Meeresbiologen staunen lässt. Erstmals ist ein Hai in antarktischen Gewässern dokumentiert worden – aufgenommen in fast 500 Metern Tiefe und bei Temperaturen nur knapp über dem Gefrierpunkt.
Ein Schatten im Dunkel: wie der Hai entdeckt wurde
Das Videomaterial entstand während einer Fahrt des Minderoo-UWA Deep Sea Research Centre, die gemeinsam mit Inkfish Expeditions durchgeführt wurde. Im Jahr 2025 arbeitete das Team in der Umgebung der Südlichen Shetlandinseln, etwa 120 Kilometer nördlich der antarktischen Halbinsel. Eigentlich stand ein klassischer Biodiversitäts-Check im Südpolarmeer auf dem Programm.
Um Tiere in großer Tiefe zu erfassen, nutzten die Forschenden ein schlichtes, aber bewährtes Setup: Auf einer stabilen Plattform wurden Hochleistungskameras zusammen mit Ködern montiert. Die Konstruktion wurde bis in rund 490 Meter Tiefe abgesenkt – in einen Bereich, in den kaum Licht vordringt und in dem das Wasser ungefähr 2 Grad Celsius erreicht.
Die Kameras liefen über mehrere Tage hinweg. Am Ende summierten sich die Aufnahmen auf etwa 400 Stunden Videomaterial. Wie in der Tiefseeforschung üblich, war die meiste Zeit wenig los: vereinzelt Fische, wirbellose Tiere, ab und zu ein vorbeiziehender Schwarm – sonst vor allem Dunkelheit.
Dann gleitet plötzlich eine breite Silhouette durchs Bild – ein massiver Hai, der langsam durch das schwarze Wasser zieht.
An Bord war rasch klar, dass dieser kurze Moment für die Forschung im Südpolarmeer eine Zäsur bedeutet.
Unerwarteter Schlafhai (Somniosidae): wer ist der Besucher aus der Tiefe?
Aus Körperform und Bewegungsmuster leiten Fachleute ab, dass das Tier zu einer bestimmten Hai-Familie gehört: den Schlafhaien, wissenschaftlich Somniosidae. Vieles deutet darauf hin, dass ein südlicher Schlafhai (Somniosus antarcticus) zu sehen ist.
Schlafhaie gelten als nahezu ideal an die Tiefsee angepasst. Sie wachsen in der Regel langsam, sind eher gemächlich unterwegs und dürften sehr alt werden. Bei eng verwandten Arten gehen Forschende teils von Lebensspannen über mehrere Jahrhunderte aus – exakte Werte werden jedoch weiterhin intensiv untersucht.
Typisch für diese Tiere sind unter anderem:
- ein kräftiger, walzenförmiger Körper
- vergleichsweise kleine Augen, angepasst an schwache Lichtverhältnisse
- ruhige, beinahe schwebende Fortbewegung
- eine klare Vorliebe für kalte, tiefe Wassermassen
Üblicherweise kennt man Schlafhaie aus dem Nordatlantik in Nähe der Arktis oder aus tiefen, kühlen Zonen anderer Ozeane. Dass ausgerechnet im Umfeld des antarktischen Kontinents ein Vertreter dieser Gruppe auftaucht, erstaunt viele – ein solches Vorkommen war bislang nicht belegt.
Rätsel um die genaue Artzugehörigkeit
Trotz der naheliegenden Zuordnung zu den Schlafhaien bleiben wissenschaftliche Unsicherheiten bestehen. Die Systematik der Somniosidae gilt als kompliziert, und selbst unter Expertinnen und Experten ist nicht abschließend geklärt, wie viele Arten tatsächlich existieren.
Hinzu kommt, dass genetische Daten nur von wenigen Tieren verfügbar sind. Viele Artbeschreibungen stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert, als die technischen Möglichkeiten deutlich begrenzter waren. Der nun gefilmte Hai könnte helfen, offene Fragen zu präzisieren – vorausgesetzt, dass bei kommenden Expeditionen weitere Sichtungen gelingen oder sogar Proben genommen werden können.
Die Aufnahme ist nicht nur ein spektakuläres Bild, sondern ein möglicher Schlüssel zu einem fast 100 Jahre alten Rätsel der Haiforschung.
Wie überlebt ein Hai in nahezu gefrorenem Meerwasser?
In antarktisnahen Regionen verfügen viele Fische über besondere Strategien: Einige produzieren Eiweißstoffe im Blut, die wie ein „Frostschutzmittel“ wirken. Dadurch gefrieren ihre Körperflüssigkeiten nicht, selbst wenn das Meerwasser knapp unter 0 Grad liegen kann.
Beim gefilmten Hai sprechen die Hinweise jedoch für einen anderen Ansatz. Vieles deutet darauf hin, dass er sich in einer etwas wärmeren Wasserschicht bewegte, die sich in mittleren Tiefen ausbildet. Dort liegen die Temperaturen über denen der extrem kalten Oberflächenschicht. Solche Bereiche können sich wie schmale Korridore durch die Tiefe ziehen und von Tieren über längere Strecken genutzt werden.
Entstehen können diese Schichten durch das Zusammenspiel von Salzgehalt, Temperatur und Strömungen. Gerade im antarktischen Umfeld sind sie bislang nur unzureichend kartiert. Der Schlafhai scheint solche „Tiefenkorridore“ effektiv zu nutzen.
| Faktor | Bedingung in der Aufnahmetiefe |
|---|---|
| Temperatur | rund 2 °C |
| Tiefe | etwa 490 m |
| Licht | nahezu völlige Dunkelheit |
| Druck | etwa 50-facher Luftdruck an der Oberfläche |
Für Menschen wären solche Bedingungen extrem lebensfeindlich. Für Tiefseehaie können sie dagegen ein vergleichsweise stabiles, gut „berechenbares“ Habitat darstellen – auch, weil dort weniger Konkurrenz unterwegs ist.
Warum diese Aufnahme die Forschung aufhorchen lässt
Auch wenn nur ein vorbeischwimmender Hai zu sehen ist, steckt in dieser Sequenz aus wissenschaftlicher Sicht eine ganze Reihe neuer Hinweise:
- Die Verbreitungsgrenzen von Schlafhaien reichen offenbar weiter nach Süden als bislang angenommen.
- Der antarktische Tiefseeraum ist artenreicher, als es frühere Modelle nahegelegt haben.
- Möglich ist eine bislang unterschätzte, dauerhafte Population – nicht nur ein einzelnes, „verirrtes“ Tier.
Das Forschungsteam geht davon aus, dass solche Haie womöglich schon lange unbemerkt im Südpolarmeer vorkommen. Es fehlten bisher vor allem zwei Dinge: geeignete technische „Augen“ in großer Tiefe und genügend Zeit für systematische Beobachtung.
Die Szene zeigt, wie lückenhaft unser Bild vom Leben in den großen Ozeantiefen noch immer ist – selbst im 21. Jahrhundert.
Warum ausgerechnet die Antarktis so schlecht erforscht ist
Die Antarktis gilt logistisch als Extremfall: Stürme, Treibeis, sehr niedrige Temperaturen und lange Phasen ohne Tageslicht verkleinern das mögliche Zeitfenster für Forschungsfahrten erheblich. Viele Expeditionen beschränken sich auf kurze Sommerabschnitte – und selbst dann sind oft nur wenige Tage oder Wochen im Gebiet realistisch.
Außerdem ist Tiefseetechnik kostspielig, störanfällig und wartungsintensiv. Kamera-Plattformen müssen den enormen Druck aushalten und anschließend zuverlässig wieder auftauchen. Jeder Einsatz beinhaltet das Risiko, Ausrüstung im Wert von mehreren Hunderttausend Euro zu verlieren.
So kommt es, dass ausgerechnet eine Region, die für das globale Klimasystem besonders wichtig ist, biologisch noch zahlreiche weiße Flecken hat. Sichtungen wie die des nun dokumentierten Hais wirken daher wie Puzzleteile, die das Gesamtbild nach und nach schärfen.
Was Schlafhaie so besonders macht
Schlafhaie sind aus mehreren Gründen für die Forschung spannend. Ihr Wachstum verläuft extrem langsam, und ihr Zusammenspiel aus Stoffwechsel, Körpergröße und Lebensdauer wirkt außergewöhnlich. Untersuchungen an verwandten Arten sprechen dafür, dass einzelne Tiere mehrere Jahrhunderte erreichen können.
Damit rücken sie auch in den Fokus der Alternsforschung: Welche Prozesse bremsen die Abnutzung im Körper? Welchen Einfluss haben Temperatur, Nahrung und Genetik? Und könnten sich daraus perspektivisch sogar medizinische Ansätze ableiten lassen?
Gleichzeitig zeigen Schlafhaie, wie empfindlich Tiefsee-Ökosysteme sein können. Arten, die sich langsam fortpflanzen, erholen sich nach Eingriffen durch Fischerei oder Rohstoffgewinnung nur schwer. Wer jahrzehntelang wächst, bevor er Nachwuchs bekommt, kann rasche Bestandsverluste kaum kompensieren.
Kurzer Exkurs: wichtige Begriffe im Kontext
- Appetitanreger unter Wasser (Köder): Nahrung oder Duftstoffe, die Tiere anlocken und vor der Kamera halten.
- Biodiversität: Vielfalt der Arten, ihrer Lebensräume und der Wechselwirkungen in einem Ökosystem.
- Halbinsel: Landfläche, die weit ins Meer ragt und dennoch mit dem Festland verbunden ist – wie die antarktische Halbinsel.
- Art: Gruppe von Lebewesen, die sich untereinander fortpflanzen und fruchtbare Nachkommen hervorbringen kann.
Wie es mit der Forschung im Südpolarmeer weitergeht
Die beteiligten Teams bereiten bereits weitere Einsätze mit Kamerasystemen vor. Entscheidend wird sein, die wenigen verfügbaren Tage im Gebiet möglichst effizient zu nutzen. Mehr Standorte, längere Laufzeiten sowie zusätzliche Messungen zu Temperatur und Strömung sollen das Bild weiter verfeinern.
Für kommende Missionen gewinnen zudem autonome Systeme an Bedeutung: unbemannte Unterwasserfahrzeuge, die über Wochen Daten und Bilder sammeln und anschließend eigenständig auftauchen können. Damit ließen sich weitere Begegnungen mit Tiefseehaien dokumentieren – und klären, ob der aktuell gefilmte Hai eine Ausnahme war oder nur der erste sichtbare Hinweis auf eine größere Population.
Für die Öffentlichkeit liegt die Faszination dieser Entdeckung in der Mischung aus Gänsehaut und Erkenntnis: Ein großer Hai, dem menschlichen Auge verborgen, zieht durch eine dunkle, eiskalte Unterwasserlandschaft und verschiebt dabei ganz nebenbei eine bislang angenommene Verbreitungsgrenze. Für die Meeresforschung ist das ein deutliches Signal, wie viele Geheimnisse der Antarktis-Ozean noch birgt – und wie viel sich mit moderner Technik dort noch herausfinden lässt.
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