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Landschnecken auf Inseln: Der „verheerende“ Biodiversitätsverlust laut Robert Cowie (Universität Hawai‘i in Mānoa)

Forscher untersucht Schnecke im Wald, umgeben von Pflanzen, Notizbuch und Lupe auf moosigem Boden.

Wer ein leises, aber brutal deutliches Signal dafür sucht, wie stark die Biodiversität auf Inseln auseinanderbricht, sollte auf Landschnecken schauen.

Eine grosse neue Übersichtsarbeit unter Leitung von Robert Cowie von der Universität Hawai‘i in Mānoa kommt zu dem Schluss, dass das Ausmass der Verluste nicht nur beunruhigend ist – sondern „verheerend“.

Auf vielen hohen Vulkaninseln liegen die Aussterberaten bei Landschnecken häufig zwischen 30 bis 80 Prozent. Damit zählen sie zu den am stärksten betroffenen Tiergruppen der Erde.

Die Studie betrachtet die Situation weltweit, rückt jedoch Hawai‘i und andere pazifische Inseln besonders in den Fokus – aus einem einfachen Grund: Keine andere Region hat so viele Landschneckenarten verloren.

Die Forschenden betonen, dass es dabei nicht nur um unauffällige Arten geht, die still verschwinden. Hier kollabieren Ökosysteme, die einst zu den globalen Hotspots evolutionärer Experimente gehörten.

Der Rückgang der Schnecken ist eine unmissverständliche Warnung davor, was passiert, wenn isolierte Biodiversität auf menschliche Expansion trifft.

Inseln als Hotspots des Aussterbens

Ein zentrales Problem beim Nachverfolgen von Aussterbeereignissen bei Wirbellosen ist, dass viele Arten verschwinden, bevor überhaupt jemand bemerkt, dass es sie gab. Landschnecken besitzen jedoch – auf ungewöhnliche Weise – ein Archiv, das den meisten kleinen Tieren fehlt: ihre Gehäuse.

Stirbt eine Schnecke, kann ihr Gehäuse über Jahrzehnte, teils sogar über Jahrhunderte, im Boden erhalten bleiben. Mit der Zeit sammeln sich diese Überreste zu dem an, was Forschende als „Gehäusebank“ bezeichnen.

Diese Gehäusebank wirkt wie eine Zeitkapsel: Sie liefert Hinweise auf Arten, die womöglich längst verschwunden waren, bevor moderne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sie überhaupt dokumentierten.

Die Übersichtsarbeit verweist auf einen bekannten Fall von den Gambierinseln in Französisch-Polynesien, wo Gehäuse eine ganze Phase aussergewöhnlicher Schneckenvielfalt sichtbar machten, die sonst unentdeckt geblieben wäre.

Die Autorinnen und Autoren halten zudem fest, dass viele Inseln abgelegen sind und Landschnecken in der internationalen Biodiversitätsschutzarbeit wenig Beachtung finden. Dadurch sind die Schutzbewertungen zahlreicher Arten veraltet.

Das bedeutet: Wir verlieren nicht nur Schnecken – wir verlieren sie oft, ohne den Verlust überhaupt korrekt zu erfassen.

Uralte Verluste, in die Landschaft eingeschrieben

Nicht jedes Aussterben bei Schnecken ist ein Phänomen der Gegenwart. Laut der Übersichtsarbeit trugen während und nach der letzten Eiszeit Veränderungen von Klima und Meeresspiegel dazu bei, „fossilisierte“ Sanddünen zu formen, die zahlreiche Arten begruben.

Auf O‘ahu lassen sich einige dieser ausgestorbenen Schnecken noch heute in freigelegten Ablagerungen erkennen – etwa entlang des Weges zum Ka‘ena Point, wenn man von der Wai‘anae-Seite kommt.

Solche Verluste verliefen über lange Zeiträume und wurden durch natürliche Umweltveränderungen geprägt, über Tausende von Jahren.

Menschen gestalten Inselökosysteme um

Für die heutigen Verluste ist jedoch vor allem menschliches Handeln verantwortlich. Die erste schwere Belastung ist die Zerstörung von Lebensräumen: Wälder werden gerodet, Einzugsgebiete verändert und genau jene feuchten, stabilen Mikrohabitate zerschnitten, auf die Schnecken angewiesen sind. Auf vielen Inseln folgt darauf der K.-o.-Schlag: invasive Arten.

Hohe Vulkaninseln entwickelten häufig Schneckengemeinschaften, die zugleich extrem artenreich und stark endemisch waren.

Sogar kleine Inseln konnten 50 bis 100 endemische Arten beherbergen, etwa Rapa in den Australinseln. Hawai‘i übertraf das noch einmal deutlich.

„Gerade die Hawaiischen Inseln waren Heimat von mindestens 750 bekannten Arten“, sagte Cowie, Forschungsprofessor am Forschungszentrum für Pazifische Biowissenschaften.

„Fast alle davon kommen nirgendwo sonst auf der Erde vor. Schätzungen zufolge überleben nur noch 10 bis 35 Prozent dieser spektakulären Vielfalt, einschliesslich einiger der bekannten und schönen hawaiischen Baumschnecken – ein winziger Bruchteil des einzigartigen einheimischen hawaiischen Naturerbes.“

Wenn eine hawaiische Schneckenart verschwindet, geht damit nicht einfach eine lokale Variante von etwas ohnehin Häufigem verloren. Es verschwindet ein einmaliges evolutionäres Experiment.

Wenn Menschen ankommen, verschwinden Schnecken

Die Übersichtsarbeit beschreibt ein wiederkehrendes Muster auf Inseln. Kurz nach der Ankunft von Menschen beginnen Aussterbewellen – oft ausgelöst durch Entwaldung und die Umgestaltung von Lebensräumen.

Mit der westlichen Kolonisation verschärfte sich die Dynamik: noch mehr Landnutzungswandel, intensiverer Handel und sehr viel mehr Einschleppungen nicht-heimischer Räuber.

Einige der schlimmsten Verursacher sind bekannt. Ratten etwa sind auf Inseln verheerend. In der Geschichte der Schnecken spielen jedoch auch gezielte Einführungen eine Rolle, die in ökologische Katastrophen mündeten – insbesondere Räuber, die zur Kontrolle anderer Schnecken ausgesetzt wurden.

Zwei berüchtigte Beispiele tauchen immer wieder auf: die Rosafarbene Wolfsschnecke (Euglandina) und der Neuguinea-Plattwurm (Platydemus manokwari) – beides hochwirksame Schneckenjäger.

„Diese waren wahrscheinlich die letztendliche Ursache des Aussterbens, das auf den verheerenden Habitatverlust folgte, der den Aussterbeprozess in Gang gesetzt hat“, sagte Cowie.

Der Druck auf Insel-Landschnecken

Daneben gibt es kleinere, weniger offensichtliche Belastungen. Zwar werden Landschnecken in den meisten Inselgemeinschaften nicht regelmässig gegessen, doch das Sammeln von Gehäusen – vor allem besonders auffälliger – kann ins Gewicht fallen, wenn Bestände bereits schrumpfen.

Die Übersichtsarbeit nennt auch dekorative Nutzungen, etwa das Verzieren von Lei oder Hüten mit Gehäusen. Solche Entnahmen mögen das Problem nicht auslösen, können aber die Erholung bremsen und es gefährdeten Arten erschweren, sich wieder zu stabilisieren.

Der Klimawandel hat der Analyse zufolge bislang nicht viele dokumentierte Aussterben von Insel-Landschnecken verursacht – dürfte jedoch zu einer bedeutenden Bedrohung werden.

Arten, die in kühlen Gebirgshabitaten leben, stossen an eine harte Grenze: Steigen die Temperaturen, können sie nicht unbegrenzt weiter „nach oben“ ausweichen, bis ihre Klimazone schliesslich verschwindet.

Was Insel-Landschnecken noch am Leben hält

Trotz der düsteren Zahlen ist die Arbeit nicht ausschliesslich hoffnungslos. Schutzprogramme versuchen aktiv, das Verbleibende zu sichern – mit einem Schwerpunkt auf Orten wie Hawai‘i und den Gesellschaftsinseln.

Ähnliche Initiativen laufen in Japans Ogasawara-Inseln sowie auf Bermuda, auf den Desertas-Inseln von Madeira und auf den Maskarenen im Indischen Ozean.

Schutz in freier Wildbahn ist schwierig, wenn invasive Räuber bereits fest im Ökosystem verankert sind. Deshalb setzen viele Programme zusätzlich auf Erhaltungszucht in menschlicher Obhut.

Das ist nicht als dauerhafte Lösung gedacht, sondern als Möglichkeit, uralte Abstammungslinien vor dem vollständigen Verschwinden zu bewahren, während Lebensraumschutz und Massnahmen zur Räuberkontrolle greifen.

Anders gesagt: Die Gehäuse zeigen, was bereits verloren ist. Zuchtprogramme gehören zu den wenigen Werkzeugen, die verhindern, dass die Spalte „was noch bleibt“ noch schneller kleiner wird.

Die Übersichtsarbeit wurde in den Philosophical Transactions of the Royal Society B veröffentlicht.

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