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Neue Genetikstudie der Universität Potsdam zum Salzwasserkrokodil auf den Seychellen

Mann untersucht Krokodilschädel am Strand mit Laptop und Probenkoffer bei Sonnenuntergang.

Lange bevor moderner Tourismus und Gebäude das Bild prägten, lebten an den Küsten der Seychellen einst grosse Krokodile. Frühe Seefahrer berichteten, sie hätten die Reptilien in Strandnähe ruhen sehen und in flachen, küstennahen Gewässern schwimmen.

Das warme Klima und ein reiches Nahrungsangebot im Meer machten die Inseln zu einem geeigneten Rastplatz für diese starken Räuber. Heute gibt es auf den Seychellen keine Krokodile mehr.

Eine neue genetische Untersuchung der Universität Potsdam zeigt nun, woher die Tiere stammten – und welche Rolle Ozeanüberquerungen für das Leben auf weit entfernten Inseln spielten.

Krokodile beherrschten einst die Küste

Vor mehr als 250 Jahren erwähnten Entdecker und Naturkundler immer wieder Krokodile entlang der Küstenlinie der Seychellen.

Damals waren die Inseln noch nicht dauerhaft von Menschen besiedelt. Wahrscheinlich nutzten die Krokodile Mangroven, Strände und Lagunen zum Jagen und Ausruhen. Damit erfüllten sie eine wichtige Funktion im lokalen Ökosystem.

Eine permanente Besiedlung setzte um das Jahr 1770 ein. Mit der Ankunft der Menschen wuchs auch die Angst vor grossen Beutegreifern. Um Siedlungen und Nutztiere zu schützen, nahm die Bejagung deutlich zu. Innerhalb von etwa 50 Jahren verschwanden die Krokodile vollständig von den Inseln.

Bis 1819 gab es auf den Seychellen keinerlei lebende Krokodile mehr. Übrig blieben nur wenige Schädel und konservierte Exemplare, die in Museumssammlungen erhalten sind.

Später stellten Forschende die Frage, ob es sich um eine eigenständige Inselart handelte oder ob die Tiere zu einer grösseren, weltweit verbreiteten Gruppe gehörten.

Alte DNA liefert eindeutige Antworten

Erst moderne Genetik konnte dieses lange offene Rätsel klären. Das Forschungsteam gewann DNA aus Museumsschädeln, die vor mehr als hundert Jahren gesammelt worden waren.

Mit fortgeschrittenen Methoden liess sich das historische Erbmaterial direkt mit DNA heutiger Krokodile vergleichen.

Dabei zeigte sich: Die Seychellen-Krokodile gehörten zum Salzwasserkrokodil, Crocodylus porosus. Für eine eigenständige Inselart fand sich kein genetischer Hinweis. Damit endete eine jahrzehntelange wissenschaftliche Debatte.

Im Mittelpunkt stand mitochondriale DNA, die über sehr lange Zeiträume entlang der mütterlichen Linie weitergegeben wird. Diese Daten ordneten die Seychellen-Exemplare klar in den Stammbaum der Salzwasserkrokodile ein.

Warum die Reise über den Ozean möglich war

Salzwasserkrokodile verfügen über seltene körperliche Anpassungen, die ein Leben im Meer erlauben. Spezielle Salzdrüsen entfernen überschüssiges Salz aus dem Blut, sodass lange Aufenthalte im Salzwasser möglich sind.

Ein kräftiger Körperbau und ein muskulöser Schwanz ermöglichen zudem ausdauerndes, starkes Schwimmen über weite Distanzen. Dazu kommen Meeresströmungen, die Tiere über grosse Strecken mittragen können.

Über Millionen von Jahren breiteten sich Salzwasserkrokodile so entlang von Küsten und auf entfernten Inseln aus. Die genetischen Daten sprechen dafür, dass Ozeanüberquerungen vielfach stattfanden – und nicht nur durch seltene Zufälle.

„Die Gründer der Seychellen-Population müssen mindestens 3.000 Kilometer über den Indischen Ozean getrieben sein, um den abgelegenen Archipel zu erreichen, vielleicht sogar deutlich weiter“, erklärte Frank Glaw von der Bayerischen Staatssammlung für Naturkunde (SNSB).

Genetische Verbindungen über Ozeane hinweg

Die genetischen Muster zeigen enge Beziehungen zwischen weit voneinander entfernten Krokodilpopulationen. Insgesamt identifizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 19 mitochondriale Haplotypen bei Salzwasserkrokodilen.

Ein Haplotyp bezeichnet dabei ein gemeinsames genetisches Muster innerhalb einer Gruppe. Ein besonderer Haplotyp kam ausschliesslich in Proben von den Seychellen vor – ein Hinweis auf eine lokale Geschichte, jedoch ohne vollständige Abspaltung.

Andere Haplotypen fanden sich zugleich in Australien, Südostasien und auf Inseln im Pazifik. Diese weite Verteilung deutet auf wiederholte Bewegungen über den Ozean hin.

Die geringe Vielfalt in der mitochondrialen DNA spiegelt eher die langsame genetische Veränderung bei Krokodilen wider als eine eingeschränkte Ausbreitung. Untersuchungen der Kern-DNA aus anderen Studien zeigen dagegen stärkere regionale Unterschiede, was darauf hindeutet, dass Populationen dennoch lokale Merkmale entwickelten.

Klimawandel prägte die Ausbreitung

Steigende Meeresspiegel und wechselnde Klimabedingungen beeinflussten die Wanderbewegungen der Krokodile entscheidend.

Während der Eiszeiten sank der Meeresspiegel; dadurch wurden Landbrücken in Südostasien und im Norden Australiens freigelegt. Flusssysteme verbanden Regionen, die heute durch Meere getrennt sind.

Salzwasserkrokodile nutzten sowohl Süsswasserwege als auch küstennahe Routen. Ihre grosse Körpergrösse und ihre Meerestoleranz verschafften ihnen in Zeiten rascher Umweltveränderungen einen Vorteil. Diese Eigenschaften trugen dazu bei, dass die Art bestehen konnte, während andere zurückgingen.

Im Laufe der Zeit erreichte Crocodylus porosus eines der grössten Verbreitungsgebiete unter Reptilien. Vor dem Aussterben auf den Seychellen erstreckte sich das Vorkommen über mehr als 12.000 Kilometer – von Inseln im Pazifik bis in den westlichen Indischen Ozean.

Lehren aus einem verschwundenen Spitzenräuber

Das Verschwinden der Seychellen-Krokodile verdeutlicht, wie stark die Ankunft des Menschen die Tierwelt von Inseln verändern kann.

Zahlreiche Arten verschwanden, bevor lebende Populationen wissenschaftlich untersucht werden konnten. Museumssammlungen sind deshalb heute zentrale Archive für verlorene Biodiversität.

Genetische Methoden ermöglichen es, aus alten Knochen und Zähnen verborgene Geschichten zu rekonstruieren. Die Seychellen-Krokodile erzählen so von Ausdauer, Bewegung und Überleben über Ozeane hinweg.

Zugleich stellt die Studie ältere Vorstellungen zu Krokodil-Unterarten infrage. Die genetischen Daten liefern nur wenig Unterstützung dafür, Salzwasserkrokodile in mehrere Unterarten aufzuteilen. Schutzmassnahmen konzentrieren sich daher darauf, regionale Populationen zu erhalten, statt an Etiketten festzuhalten.

An den Küsten der Seychellen leben keine Krokodile mehr. Die Wissenschaft hat jedoch ein wichtiges Kapitel der Naturgeschichte wieder sichtbar gemacht.

Meeresströmungen, Klimaveränderungen und mächtige Reptilien prägten einst Insel-Ökosysteme – in einer Weise, die erst jetzt klarer wird.

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