Viele Menschen gehen davon aus, dass Babys Sprache erst dann wirklich lernen, wenn sie ihr erstes echtes Wort aussprechen. Dieser Augenblick wirkt wie der Beginn von Verständnis – als würden Laute endlich Bedeutung bekommen.
Tatsächlich arbeitet das Gehirn eines Babys aber schon lange vorher auf Hochtouren. Auch wenn es selbst noch nichts sagt, hört es zu, beobachtet und ordnet still, was um es herum passiert.
Aktuelle Forschung deutet darauf hin, dass dieser Lernprozess früher einsetzt als bislang angenommen. Bereits mit etwa 10 Monaten können Babys wahrnehmen, wenn ein Wort für eine Handlung nicht zu dem passt, was sie gerade sehen.
Das geschieht viele Monate, bevor die meisten Babys sprechen können. Damit eröffnet sich ein neuer Blick darauf, wie früh Sprache beginnt – und was im Kopf eines Babys bereits abläuft.
Wenn Handlungen auf Wörter treffen
Gegen Ende des ersten Lebensjahres hören Babys jeden Tag Tausende Wörter. Bezugspersonen sprechen beim Kochen, Putzen, Spielen und während sie sich in der Wohnung bewegen.
In diesen Alltagsgesprächen kommen viele Verben vor – auch wenn Babys meistens zuerst Nomen sagen. Wörter wie „essen“, „gehen“, „greifen“ und „fallen“ tauchen im täglichen Leben ständig auf.
Verben sind besonders anspruchsvoll. Anders als Gegenstände bleiben Handlungen nicht stehen, sondern verändern sich von Moment zu Moment.
Ein Baby muss also Bewegung bemerken, herausfinden, was daran wichtig ist, und dieses Muster mit einem gesprochenen Wort verknüpfen. Für ein Gehirn, das die Welt erst grundlegend kennenlernt, ist das eine enorme Aufgabe.
Dennoch zeigte die Studie: Mit 10 Monaten registrieren Babys, wenn eine Handlung und ein Verb nicht zusammenpassen. Sie hören also nicht nur Geräusche – sie verbinden Wörter mit Bedeutung.
Ein Blick ins Babygehirn
Durchgeführt wurde die Studie von Forschenden der Cardiff University und der University of East Anglia, in Zusammenarbeit mit der University of Warwick. Untersucht wurden Säuglinge im Alter von 10 Monaten.
Zum Einsatz kam ein Elektroenzephalogramm (EEG). Dieses schonende Verfahren misst elektrische Rhythmen im Gehirn.
Die Babys trugen dabei eine weiche, elastische Kappe mit kleinen Sensoren und sassen auf dem Schoss eines Elternteils. Es gab weder Nadeln noch laute Geräte. Gerade bei Säuglingen wird dieses Setup häufig genutzt, weil es sicher ist und als angenehm gilt.
Den Kindern wurden kurze Videos mit Handlungen gezeigt, während sie gleichzeitig ein Verb hörten. In manchen Durchgängen passte das Verb zur gezeigten Handlung, in anderen nicht. Anschliessend erfasste das Team, wie das Gehirn der Babys darauf reagierte.
Verstehen, ohne zu sprechen
Die gemessenen Hirnrhythmen zeichneten ein klares Bild. Wenn das gehörte Verb nicht zur beobachteten Handlung passte, reagierten die Gehirne der Babys anders.
Das spricht dafür, dass die Säuglinge bemerkten, dass etwas nicht stimmt. Ihre Reaktionen waren weder zufällig noch Ausdruck allgemeiner Verwirrung – sie erkannten die Nichtübereinstimmung.
„Rund um ihren ersten Geburtstag beginnen Säuglinge, ihre ersten Wörter zu sagen“, sagte Studienautorin Dr. Kelsey Frewin, die die Arbeit an der Cardiff University durchgeführt hat.
Bei vielen Kindern beziehen sich diese ersten Wörter auf Bezugspersonen – etwa „Mama“ – oder auf andere wichtige Familienmitglieder – zum Beispiel einen Hund – oder auf auffällige Gegenstände, die im Alltag häufig vorkommen.
„Die Wortschätze von Kindern bleiben in der frühen Entwicklung stark von Nomen geprägt, obwohl die sprachliche Input von Bezugspersonen häufig auch andere Wortarten enthält, wie etwa Verben.“
„Das Lernen der Bedeutung von Verben ist eine komplexe Aufgabe für Babys: Sie müssen Verben aus dem Sprachfluss herauslösen, Handlungen aus Bewegung herauslesen, Handlungskategorien bilden und Verben auf entstehende Handlungskonzepte abbilden. Wir wollten besser verstehen, wann dies in der Entwicklung passiert.“
Die beobachteten Gehirnreaktionen deuten darauf hin, dass Babys einen Teil dieser anspruchsvollen Arbeit bereits Monate vor dem Sprechen leisten.
Wie Sprache bei Babys beginnt
Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass ein 10 Monate altes Baby Verben schon so versteht wie ein älteres Kind. Die Forschenden verweisen auf eine weitere mögliche Erklärung.
So könnten Babys Muster zwischen Handlungen und Wörtern aufnehmen, die sie häufig gemeinsam hören. Diese Sensibilität für gemeinsames Auftreten könnte ein früher Zwischenschritt sein, aus dem später ein umfassenderes Verständnis entsteht.
Trotzdem ist diese frühe Empfindlichkeit bedeutsam. Sie zeigt, dass Spracherwerb zunächst über Zuhören, Beobachten und das Erkennen von Regelmässigkeiten läuft – und dass das Sprechen erst danach kommt.
Die Forschenden stellten fest, dass 10 Monate alte Säuglinge bereits Nichtübereinstimmungen zwischen Handlungen und Verben erkennen können, was auf frühe Grundlagen eines Verbverständnisses hindeutet.
Da sich die meisten Studien zur Entwicklung dieser Fähigkeit jedoch auf deutlich ältere Säuglinge und Kinder konzentriert haben, sei laut Team weitere Forschung nötig, um die Prozesse aufzudecken, die das Verblernen im ersten Lebensjahr unterstützen.
Lernen beim Zuschauen sichtbar machen
Es handelt sich um die erste Studie, die das Verbverständnis von Säuglingen mithilfe von Bildgebung des Gehirns untersucht hat.
Statt darauf zu warten, dass Babys sprechen oder auf etwas zeigen, betrachteten die Forschenden die Gehirnaktivität direkt. So liess sich Verständnis in dem Moment sichtbar machen, in dem es entsteht – und nicht erst Monate später.
Zugleich erinnert die Untersuchung daran, dass Babys nicht einfach nur Geräusche „aufsaugen“. Sie sind aufmerksam.
Sie beobachten, was geschieht, und gleichen es mit dem ab, was sie hören. Selbst Gespräche, die sich einseitig anfühlen, liefern ihren Gehirnen Material zum Verarbeiten.
Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift Cortex veröffentlicht.
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