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Die rätselhafte Beziehung zwischen Weihnachtsbaumröhrenwurm und Karibischem Neon-Grundel am Turneffe Atoll in Belize

Unterwasserforscherin mit Tauchausrüstung untersucht und dokumentiert Korallenriff mit Messinstrument.

Ein Weihnachtsbaumröhrenwurm verbringt einen grossen Teil seines Lebens auf Korallenriffen, ohne auf den ersten Blick aufzufallen.

Schon bei der kleinsten Störung klappt seine leuchtend bunte, spiralförmige Krone blitzschnell in die schützende Röhre zurück.

Genau dieser Reflex macht die Beobachtung so schwer einzuordnen: Winzige Fische setzen sich mitten in diese „Arme“ – und der Wurm zeigt kaum eine Reaktion.

Ort der Forschung

Das Vorhaben entstand aus dem Boston University Marine Program (BUMP), einem praxisnahen Kurs, der Studierende direkt an echte Riffe bringt.

Im November 2025 tauchten die Teilnehmenden eine Woche lang an den Riffen und Seegrasflächen des Turneffe Atoll.

Ein grosser Teil der Arbeit lief über die Calabash Caye Field Station, eine Meeresstation vor der Küste von Belize.

Betrieben wird die Station vom University of Belize Environmental Research Institute (UB ERI).

Verborgene Beziehungen im Riff

Geleitet wurde das Projekt von Morgan Bennett-Smith, Doktorand an der Boston University. Ein ähnliches Verhalten hatte er bereits auf der anderen Seite der Welt an Riffen in Papua-Neuguinea beobachtet.

„Es könnte ein weit verbreitetes ökologisches Phänomen sein, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bislang schlicht übersehen haben, und darauf hindeuten, dass es möglicherweise viele Mikro-Interaktionen gibt, die noch nicht dokumentiert sind“, sagte Bennett-Smith.

„Korallenriffe sind Lebensraum für verschiedenste Formen von Leben, und das Beobachten dieser kleinen Interaktionen könnte neue Erkenntnisse darüber liefern, wie Korallenriff-Ökosysteme funktionieren.“

Weihnachtsbaumröhrenwürmer blieben geöffnet

Weihnachtsbaumröhrenwürmer leben im lebenden Korallengewebe und zeigen nach aussen im Wesentlichen nur ihre Radiolen. Diese verzweigten Kronen dienen zugleich der Atmung und dem Einfangen von Nahrung, die in der Strömung vorbeitreibt.

Gleichzeitig ist die Krone so etwas wie eine Alarmanlage: Reicht ein Schatten oder eine Bewegung in der Nähe, zieht sie sich rasant zurück – teils bleibt der Wurm dann eine Minute oder länger geschlossen.

Dass ein Wurm es zulässt, dass ein Fisch direkt in dieser Krone sitzt, passt daher nicht ins erwartete Muster. Genau diese kleine Unstimmigkeit machte das Team neugierig.

Fische bleiben regungslos

Bei den Fischen handelt es sich um kryptobenthische Arten – winzige Bodenbewohner, an denen viele Taucherinnen und Taucher schlicht vorbeischweben. In Belize war vor allem der Karibische Neon-Grundel beteiligt, ein schmaler Fisch mit blauen Streifen.

Immer wieder sass er in der Krone, ohne dass der Wurm den Rückzugsreflex auslöste. Häufig legte der Fisch dabei den Schwanz an die Radiolen; dieses Verhalten bezeichnete das Team als „tailing“.

In etwa einem Viertel der Beobachtungen berührte der Fisch die Krone sogar direkt. Trotzdem blieb der Wurm geöffnet.

Ältere Fotos von Bonaire zeigen, dass auch eine Gelbnasen-Grundel und ein Glas-Schleimfisch sich ähnlich verhielten. Zudem duldete ein zweiter Wurm, der Stern-Hufeisenwurm, die Grundeln ebenfalls.

Arten zählen und Zufall ausschliessen

Um zu prüfen, ob es sich nur um Zufall handelt, dokumentierten die Taucherinnen und Taucher jede Korallenkolonie, an der sie vorbeikamen.

Für jede Kolonie wurde festgehalten, ob dort Grundeln, Würmer, beide zusammen oder keines von beidem vorkamen. Unter mehr als 1,600 Kolonien fanden sich lediglich 12, in denen beide Tiere gemeinsam vorkamen.

Trotzdem trat diese Kombination deutlich häufiger auf, als es bei reiner Zufallsverteilung zu erwarten wäre – ungefähr elfmal so oft.

Korallenpräferenzen sind entscheidend

Wichtiger als der Lebensraumtyp war die jeweilige Korallenart. Grundeln nutzten bevorzugt grosse Hirnkorallen und Sternkorallen, während sich die Würmer eher auf der Mustard-Hill-Koralle häuften.

Auch die Grösse der Kolonie trennte die Vorkommen: Grundeln wurden häufiger auf grossen Korallenköpfen gesehen. Die Würmer tendierten dagegen eher zu kleineren.

Dort, wo eine grosse Kolonie ausnahmsweise beide beherbergte, stieg die Wahrscheinlichkeit stark an, einen Grundel direkt in einer Wurmkrone zu finden. Die Tiere teilten sich das Riff also nicht einfach zufällig.

Vorteile auf beiden Seiten

Welche Seite profitiert, ist bislang unklar. Die Art der Verbindung bleibt offen, und in der Arbeit werden drei mögliche Erklärungen diskutiert.

Eine Möglichkeit ist, dass der Fisch ein Dieb ist und Futterpartikel stiehlt, die die Wurmkrone aus dem Wasser herausfiltert.

Ebenso denkbar ist, dass er lediglich ein unproblematischer Mitbewohner ist, der die Krone als Deckung und als erhöhten Sitzplatz über dem Riff nutzt.

Die wohlwollendste Interpretation wäre ein Tauschgeschäft: Neon-Grundeln sind als Putzer bekannt. Demnach könnten die feinen, haarähnlichen „Arme“ des Wurms Parasiten und Schleim vom Fisch streifen, während der Fisch umgekehrt Schmutz und Ablagerungen aus der Krone entfernt.

Ein eingebautes Alarmsignal

Ein Detail spricht für eine echte Zusammenarbeit: Zog sich ein Wurm abrupt zurück, schoss der Grundel direkt daneben im exakt selben Moment davon.

Dieses Timing deutet darauf hin, dass der Fisch das Einziehen des Wurms als Warnhinweis nutzt. Der Wurm nimmt eine Störung wahr und verschwindet – und sein kleiner Gast bekommt einen kostenlosen Vorsprung vor einer möglichen Gefahr.

Umgekehrt könnte es ebenso funktionieren: Mit seinem guten Sehvermögen könnte ein Grundel einen Räuber früher entdecken als der Wurm, sodass die Krone noch rechtzeitig schliessen kann.

Studierende als Entdecker

Der Fund entstand in einem Kurs und nicht in einem grossen Labor. Studierende lernten tauchen, führten die Erhebungen durch und erkannten das Muster aus eigenen Beobachtungen.

„An Projekten wie diesem mitzuwirken, ist alles, was ich je machen wollte“, sagte der Boston-University-Student Mason Murchison.

„Vom Durchstöbern von Meeresbiologie-Büchern als Kind bis hin zu der Chance, jetzt mit Forschenden im Programm zu arbeiten und Meeresökosysteme zu erkunden – davon habe ich jeden Abend geträumt. Für mich war es die Gelegenheit meines Lebens.“

Die Kunst des genauen Hinschauens

„In der modernen Biologie geht es oft um Genomik, grosse Datensätze und hochentwickelte Technologie. Diese Werkzeuge sind unglaublich wichtig, aber Entdeckungen beginnen immer noch damit, dass Menschen der Natur aufmerksam zusehen“, sagte Bennett-Smith.

„Diese Studie begann, weil Taucherinnen und Taucher etwas Ungewöhnliches bemerkten und Fragen stellten.“

„Dass wir Beobachtungen aus Papua-Neuguinea, Belize und Archivfotos aus Bonaire miteinander verbinden konnten, zeigt, dass in Korallenriffen viele verborgene Interaktionen darauf warten, entdeckt zu werden.“

Das Kursprojekt floss unmittelbar in die veröffentlichten Daten ein. Die Geländeerhebungen der Studierenden wurden zu einem wichtigen Bestandteil der publizierten Forschung.

Die Tests, die noch kommen

Ehrlich gesagt bleibt die Beziehung ein Rätsel. Feldnotizen können belegen, dass zwei Tiere zusammen auftreten – nicht aber den Grund dafür.

Als nächstes plant das Team ein kontrolliertes Experiment im Aquarium: Würmer, die mit Grundeln zusammen gehalten werden, sollen mit Würmern ohne Grundeln verglichen werden. Gefärbtes Futter soll dann sichtbar machen, ob der Fisch dem Wurm Nahrung stiehlt oder seinen Aufenthalt „bezahlt“.

Bis dahin bleibt der kleine Fisch in der Wurmkrone ein offenes Geheimnis des Riffs – eine Entdeckung, die nur durch genaues Beobachten überhaupt auffällt.

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