Kalenderwissen der Maya in Mexiko und Guatemala
Ein mittelalterlicher Maya-Text zur Vorhersage von Sonnenfinsternissen hat westliche Leser seit Jahrhunderten vor Rätsel gestellt – doch zwei Forschende könnten nun entschlüsselt haben, wie er tatsächlich gedacht war.
Indigene Hochkulturen in Mexiko und Guatemala führten bereits mehr als zwei Jahrtausende vor der europäischen Invasion der Amerikas ausgefeilte Kalender. Damit konnten sie den Zeitpunkt wichtiger Ereignisse am Himmel und auf der Erde mit aussergewöhnlicher Genauigkeit bestimmen.
Ein Grossteil dieses Wissens – ebenso wie die Schriften, in denen es festgehalten war – wurde jedoch während der Spanischen Inquisition zerstört. Übrig blieben nur wenige Fragmente, aus denen sich diese fortgeschrittenen Methoden der Himmelsvorhersage mühsam rekonstruieren lassen.
Der Dresden Codex und die Bedeutung von Sonnenfinsternissen
Der Dresden Codex, datiert ins 11. oder 12. Jahrhundert, gehört zu nur vier hieroglyphischen Maya-Kodizes, die die europäische Kolonisierung überstanden haben.
Der Kodex aus Rindenpapier umfasst 78 Seiten und ist im Ziehharmonika-Format angelegt. Jede Seite ist von Hand beschrieben und in leuchtenden Farben illustriert; behandelt werden Astronomie, Astrologie, Jahreszeiten sowie medizinisches Wissen.
Die Vorhersage von Sonnenfinsternissen – sie entstehen, wenn das Licht der Sonne durch den Mond verdeckt wird und dessen Schatten auf die Erdoberfläche fällt – war in der Maya-Gesellschaft von grosser Bedeutung. Das Gemeinwesen war eng an Himmelsereignisse gekoppelt und wurde von ihnen mitgeprägt.
„Wenn man festhielt, was zum Zeitpunkt bestimmter Himmelsereignisse geschah, konnte man gewarnt sein und geeignete Vorsichtsmassnahmen treffen, wenn sich Zyklen wiederholten“, erklärte die Historikerin Kimberley Breuer von der University of Texas in einem Beitrag für The Conversation.
So sollen Angehörige des Maya-Adels bei einer Verdunkelung des Tageshimmels, wenn die Sonne hinter dem Mond verschwand, Aderlass-Zeremonien vollzogen haben, um dem Sonnengott Kraft zu spenden.
„Priester und Herrscher hätten gewusst, wie zu handeln ist, welche Rituale auszuführen sind und welche Opfer den Göttern darzubringen sind, um sicherzustellen, dass die Zyklen von Zerstörung, Wiedergeburt und Erneuerung fortbestehen“, erläuterte Breuer.
Neue Deutung der Finsternistabelle im Dresden Codex
Eine Tabelle im Dresden Codex ermöglichte es Maya-Kalenderspezialisten, den sogenannten „Tageshütern“, solche Finsternisse über rund 700 Jahre hinweg vorherzusagen. Die Tabelle umfasst 405 Mondmonate (11,960 Tage) – doch wie sie im Detail zu verwenden ist, blieb der Forschung lange unklar.
Der Linguist John Justeson von der University of Albany (USA) und der Archäologe Justin Lowry von der State University of New York at Plattsburgh stellen in einem neuen Artikel in Science Advances eine schlüssige Erklärung zur korrekten Nutzung dieser Kalenderrechnung vor.
Justeson und Lowry wenden sich gegen die verbreitete Annahme, die Tabelle sei an ihrer Endposition zurückgesetzt worden – also so, als solle sie in einer Endlosschleife genutzt werden, indem nach Monat 405 wieder mit Monat 1 begonnen wird.
Das Problem: In dieser Form liefert die Tabelle in der Praxis keine verlässlichen Resultate.
„Unanticipated eclipses could occur in the application of the next table or two if the final station of one table was used as the base for composing the next, and increasingly with each successive resetting“, schreiben Justeson und Lowry.
Start im 358. Monat statt Rücksprung auf Monat 1
Stattdessen schlagen sie vor, eine neue Tabelle bereits im 358. Monat der laufenden Tabelle zu beginnen. Mit diesem Vorgehen liegen die Vorhersagen für die Ausrichtung von Sonne und Mond lediglich um etwa 2 Stunden und 20 Minuten zu früh.
„This procedure would also entail that, occasionally, the first date in a successor table would be set at the 223rd month, about 10 hours and 10 min later relative to that alignment, to adjust for the gradually accumulating deviations of resettings at month 358“, schreiben die Autoren.
Durch den Abgleich der Tabelle mit modernem Wissen über Finsterniszyklen kamen sie zu dem Ergebnis: Mit dieser Methode hätten die Maya jede Sonnenfinsternis, die in ihrem Gebiet sichtbar war, zwischen 350 und 1150 n. Chr. zuverlässig vorhersagen können – weil sich damit kleine, über die Zeit anwachsende Fehler korrigieren lassen.
„Such revisions would maintain the viability of the table indefinitely, with departures of under 51 min over 134 years“, merken die Autoren an.
Damit wird die zentrale Rolle eines Maya-Tageshüters ebenso greifbar wie die fortgeschrittene Mathematik, die im Dienst der spirituellen Verbindung dieser untergegangenen Zivilisation zum Kosmos stand.
Diese Forschung wurde in Science Advances veröffentlicht.
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