In der Antarktis könnte Blood Falls mehr sein als nur ein rostrot wirkender Abfluss am Taylor Glacier. Eine am 3. August 2026 veröffentlichte Studie fand auf molekularer Ebene Hinweise auf eine aktive Gemeinschaft marinen Ursprungs: mikroskopisch kleine Lebewesen in rotem Schlamm und Sedimenten am Rand des Gletschers.
Der Fund deutet darauf hin, dass diese abgeschiedene polare Wüste weiterhin eine biologische Spur einer früheren Verbindung zum Meer in sich trägt – nicht bloß uralte Ablagerungen, sondern etwas, das dort noch immer tätig ist.
Das heisst jedoch nicht, dass Forschende einen perfekt konservierten urzeitlichen Ozean unter dem Eis nachgewiesen hätten. Vorsichtiger formuliert: Marine Abstammungslinien scheinen überdauert und sich angepasst zu haben, lange nachdem vordringendes Eis den Zufluss von Meerwasser abgeschnitten hatte.
So wirkt Blood Falls weniger wie eine eingefrorene Zeitkapsel und eher wie ein lebendiges Archiv – ungewöhnlich, aber belegbar.
Ein mariner Fingerabdruck im roten Schlamm
Die Erstautorin Angela Zoumplis, inzwischen an der Yale University, brachte das zentrale Ergebnis auf den Punkt: „Wir sehen nicht einfach nur genetische Überreste.“
Der leitende Autor Andrew E. Allen, tätig am Scripps-Institut für Ozeanografie und am J.-Craig-Venter-Institut, arbeitete mit einem Team, das 167 Proben gegenüberstellte. Sie stammten vom Gletscherende, aus nahegelegenen Süsswasser-Lebensräumen, aus Wind-Sammelgeräten sowie aus dem McMurdo Sound.
Die Leitfragen waren dabei geradlinig: Woher kamen diese Organismen – und zeigten sie Anzeichen dafür, dass sie tatsächlich aktiv sind?
Bereits eine Untersuchung aus dem Jahr 2009 hatte in der Blood-Falls-Sole eine aktive bakterielle Gemeinschaft beschrieben. Die neue Arbeit führt diese Geschichte fort, erweitert sie jedoch auf Eukaryoten, also Organismen mit Zellkern.
Zu dieser Gruppe zählen Diatomeen: einzellige Algen, die in glasartig wirkenden Schalen aus Silikat leben.
Diatomeen mit mariner Zuordnung stellten im roten Material mehr als 60 Prozent der Gemeinschaft. In einzelnen Schlamm- und Sedimentproben lag der Anteil bei nahezu vier von fünf Sequenzen.
Das ist ein deutliches marines Signal.
Warum Blood Falls rot erscheint
Blood Falls ist ein kurzer, rötlicher Ausfluss am Ende des Taylor Glacier in den McMurdo-Trockentälern – einer der kältesten und trockensten Wüstenregionen der Erde.
Die Färbung entsteht durch eisenreiche Sole, also extrem salzhaltiges Wasser, das periodisch aus dem Gletscher austritt. Gelangt das Eisen an die Oberfläche und reagiert mit Sauerstoff, färbt es das Eis.
Man kann es sich wie Rost vorstellen, der sich über weisses Metall ausbreitet – nur dass die weisse Fläche hier ein Gletscher ist.
Eine Studie aus dem Jahr 2017 kartierte ein Solesystem im Inneren des Taylor Glacier. Sie zeigte, wie sich salzhaltige Flüssigkeit durch Eis bewegen kann, das ansonsten gefroren bleibt.
Chemische Analysen und Isotopenhinweise sprechen für eine Quelle aus altem Meerwasser. Forschende gehen davon aus, dass Meerwasser in wärmeren Phasen ins Taylor Valley eindrang, bevor vorrückendes Eis den Bereich abriegelte.
Heute mischt sich sommerliches Schmelzwasser nahe der Oberfläche mit dieser Sole. Dadurch entsteht ein anspruchsvoller Lebensraum, in dem Bedingungen zwischen weniger salzigem und deutlich salzigerem Wasser wechseln.
Alles andere als bequem.
RNA zeigte, dass die Gemeinschaft aktiv war
Um lebende Bewohner von älteren biologischen Resten zu trennen, kombinierten die Forschenden DNA-Sequenzierung mit Metatranskriptomik, also einer Methode, die RNA untersucht.
DNA kann auch nach dem Absterben einer Zelle noch vorhanden sein – ähnlich wie ein alter Fussabdruck.
RNA ist deutlich empfindlicher. Weil sie relativ schnell zerfällt, liefert sie eher ein aktuelles Bild davon, welche Gene die Zellen zum Zeitpunkt der Probenahme tatsächlich nutzten.
Die RNA-Daten zeigten lichtnutzende Eukaryoten, die Photosynthese, Atmung, Salzregulation und zelluläre Reparaturprozesse ausführten.
Diatomeen und Dinoflagellaten lieferten mehr als 70 Prozent des Signals von Organismen, die Licht als Energiequelle nutzen. Das spricht dagegen, dass es sich lediglich um tote Mitreisende handelte, die an den Ort gespült wurden.
Stattdessen reagierten sie auf ihre Umwelt – wie winzige Solarzellen, die sich zugleich selbst wieder instand setzen können.
Wind erklärt nicht alles
Marine Diatomeen wurden schon früher in Ablagerungen im antarktischen Inland gefunden. Seit Jahren wird diskutiert, wie sie dorthin gelangten.
Eine Erklärung ist ein früherer Meereseinbruch, bei dem Meerwasser in das Tal vordrang. Eine andere Möglichkeit: kräftige antarktische Winde transportierten mikroskopisches Material ins Landesinnere.
Ältere Arbeiten zu in der Luft verbreiteten Diatomeen deuteten darauf hin, dass Wind Lebensräume in der Region verbindet. Ein grosser Teil dieser Bewegung scheint jedoch eher lokal zu sein, statt ungehindert über die gesamte Landschaft verteilt zu werden.
In der neuen Studie wiesen moderne Wind-Sammler nur sehr wenige marine Signaturen auf. Im roten Schlamm und in den Sedimenten nahe Blood Falls fanden sich dagegen viele.
Genetische Netzwerke zeigten ausserdem, dass sich einige marine Diatomeen-Linien am Gletscherende von ihren heutigen Verwandten im McMurdo Sound unterschieden. Dieses Muster passt zu einer längeren Isolation.
Kann Wind trotzdem eine Rolle gespielt haben? Ja.
Er dürfte beigetragen haben, insbesondere in weiter zurückliegenden Zeiten. Dennoch scheint er nicht die gesamte Gemeinschaft erklären zu können.
Überleben durch Herunterfahren
Am Gletscherende ist Leben wiederholtem Gefrieren und Auftauen ausgesetzt, abrupten Salzschocks, Eisenkontakt und langen Trockenphasen.
Im Vergleich zu heutigen marinen Verwandten zeigten die Diatomeen eine stärkere Ausrichtung auf Ionentransport, Protein-Erhalt und DNA-Reparatur.
Alltagsnah gesagt: Diese Zellen investieren viel Energie darin, ihre „Leitungen“ zu kontrollieren und nach jedem Sturm Risse zu flicken. Überleben könnte hier ebenso sehr von Reparatur und Anpassungsfähigkeit abhängen wie vom Wachstum.
Mehrere in der Studie nachgewiesene Gruppen können zudem Sporen, Zysten oder Ruhestadien bilden, wenn sich die Bedingungen verschlechtern.
Eine separate Untersuchung zur marinen Diatomee Chaetoceros socialis ergab, dass deren Ruhesporen mindestens neun Monate lebensfähig blieben.
Das ist der Pausenknopf der Biologie.
Trotzdem bedeutet das nicht, dass Organismen unbegrenzt inaktiv bleiben können. Die Studie liefert Hinweise auf Überlebensstrategien – nicht auf Unsterblichkeit.
Was die Studie nicht belegt
In der tiefen Sole selbst wiesen die Forschenden keine Eukaryoten nach.
Die Belege stammen aus rot verfärbtem Eis, Schlamm und Sedimenten am Ende des Taylor Glacier – also dort, wo die Sole auf Oberflächenbedingungen und Gletscherschmelzwasser trifft.
Dieser Unterschied ist entscheidend. „In der Nähe von Blood Falls“ ist nicht dasselbe wie „tief unter dem Gletscher lebend“.
Der in der Studie verwendete genetische Marker war zudem zu eingeschränkt, um sicher zu zeigen, dass es sich um neue Arten handelt. Auch die genaue Dauer der Isolation liess sich damit nicht bestimmen.
Etwa die Hälfte der zugeordneten RNA-Reads konnte keiner bekannten Gruppe zugewiesen werden. Geringe Probenmengen und Probleme bei der Konservierung verhinderten ausserdem eine vollständige visuelle Untersuchung unter dem Mikroskop.
Damit bleiben einige Äste des Stammbaums leer.
Die Indizienlage ist überzeugend – aber die Geschichte ist noch nicht abgeschlossen.
Ein lebendes Archiv des antarktischen Wandels
Warum ist das mehr als nur ein roter Fleck auf extrem abgelegenem Eis?
Diatomeen reagieren sehr empfindlich auf Salzgehalt, Wasserchemie und Lebensraum-Bedingungen. Ihre Gemeinschaften können wie Umweltzeugen funktionieren, die Hinweise darauf bewahren, wie ein Gebiet früher beschaffen war.
Eine im Inland einer polaren Wüste überlebende, marinen Ursprungsgruppe könnte helfen, zu rekonstruieren, wie Taylor Valley, der nahe Ozean und der Ostantarktische Eisschild in früheren Klimaphasen miteinander wechselwirkten.
Zugleich zeigt der Befund, dass Leben in kalten, salzigen und isolierten Umgebungen fortbestehen kann, ohne unverändert zu bleiben.
Blood Falls scheint Vergangenheit über Überleben, Anpassung und gelegentliche Ruhephasen zu bewahren – und nicht dadurch, dass Biologie perfekt eingefroren wird.
Es ist ein lebender, und zudem komplexer, Datensatz.
Die vollständige Studie erschien in Nature Geoscience.
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