In den letzten Jahren ist unser Bild davon, wer im Meer ganz oben in der Rangordnung steht, gründlich durcheinandergeraten.
Seit Der weiße Hai gelten Weiße Haie in der Popkultur oft als unangefochtene Herrscher der Ozeane.
Dann stellten Forschende fest, dass auch diese gefürchteten Jäger einen eigenen Gegenspieler haben: den mächtigen Orca (Orcinus orca) – schnell, clever und dafür bekannt, Weiße Haie wegen ihrer zarten, nährstoffreichen Lebern zu erbeuten.
Ein Räuber mit Schwachstelle: Orcas und Langflossen-Grindwale
Man könnte meinen, dass Orcas kaum etwas aus der Ruhe bringen kann.
Das stimmt nicht.
Schon ein angedeutetes Quieken aus einer Gruppe Langflossen-Grindwale (Globicephala melas) kann reichen, damit Orcas das Weite suchen.
Und das Erstaunliche daran: Bis heute ist nicht wirklich geklärt, warum.
„Schwertwale, die Spitzenprädatoren der Ozeane, reagieren auf akustische Signale von Grindwalen und nehmen deren Anwesenheit vermutlich als Bedrohung wahr“, schrieb ein Team um die Meeresbiologin Anna Selbmann vom Sudurnes-Zentrum für Wissenschaft und Lernen in Island in einer im Januar 2026 in Wissenschaftliche Berichte veröffentlichten Arbeit.
„Allerdings bleibt unklar, warum dieser Spitzenprädator einen kleineren, scheinbar unterlegenen Aggressor meidet.“
Erste Hinweise aus dem Feld (2012–2014)
Der Ausgangspunkt liegt im Jahr 2012: Eine Gruppe um die Meeresbiologin Charlotte Curé veröffentlichte eine ungewöhnliche Beobachtung. Spielte man Langflossen-Grindwalen in freier Wildbahn Orca-Laute vor, wirkte das wie ein akustischer Magnet, dem die Tiere kaum widerstehen konnten.
Sobald sie die Rufe hören konnten, schwammen sie in Richtung der Schallquelle.
Kurz darauf berichtete ein weiteres Team um den Meeresforscher Renaud de Stephanis vom Spanischen Nationalen Forschungsrat von etwas, das noch rätselhafter wirkte.
In einer 2014 publizierten Studie hielten sie fest: In jeder dokumentierten Begegnung zwischen Grindwalen und Orcas in freier Wildbahn seit 2004 zogen die Orcas sich zurück. Tauchten Grindwale in Gewässern auf, in denen Orcas unterwegs waren, wollten die Orcas dort plötzlich nicht mehr bleiben.
Das machte die Sache so seltsam, weil es auf den ersten Blick keinen überzeugenden ökologischen Grund dafür gab.
Nach einer Untersuchung in der Straße von Gibraltar kamen de Stephanis und sein Team zu dem Schluss, dass beide Zahnwalarten weder um dieselbe Nahrung konkurrieren noch einander jagen.
Außerdem ist der Langflossen-Grindwal deutlich kleiner als der Orca – eigentlich sollte er keine ernstzunehmende Gefahr darstellen.
Die Forschenden erwogen deshalb eine andere Möglichkeit: Vielleicht hätten Orcas in der Vergangenheit Grindwale erbeutet, und die Grindwale würden sich „merken“, was einst gefährlich war. Doch auch für diese Deutung fanden sie nur wenig belastbare Hinweise.
Daten aus Island: Begegnungen und Vermeidungsstrategien (2007–2020)
Selbmann und ihre Kolleginnen und Kollegen ließ das nicht los – die Sache war ebenso irritierend wie faszinierend.
Sie wollten mehr Interaktionen zwischen beiden Arten erfassen.
In einer Arbeit aus dem Jahr 2022 werteten sie Daten von Forschungsplattformen und Walbeobachtungstouren in sechs Regionen Islands aus (2007 bis 2020). Dabei dokumentierten sie, wann welche Art in der jeweiligen Gegend vorkam. Grindwale wurden ausschließlich in den Sommermonaten beobachtet – traten dann aber häufig genau dort auf, wo Orcas besonders gern anzutreffen waren.
Ab hier wurde es noch merkwürdiger.
In den meisten der 24 Begegnungen – 68 Prozent – wichen die Orcas einer direkten Konfrontation aus, indem sie bereits wegzogen, bevor die Grindwale näher herankamen.
In 28 Prozent der Fälle entwickelte sich dagegen eine Verfolgungsjagd mit hoher Geschwindigkeit: Beide Arten bewegten sich im Sprunglauf fort und erreichten dabei bis zu 13,5 Knoten (25 km/h). Diese Fortbewegungsart besteht aus wiederholten Sprüngen aus dem Wasser, um Tempo aufzubauen.
Bis 2026 umfassen die Beobachtungen inzwischen mehr als zwei Jahrzehnte – und sie weisen alle in dieselbe Richtung: Orcas meiden Langflossen-Grindwale tatsächlich.
Akustische Signale als Auslöser: Rufe ohne Grindwale
Trotzdem blieb eine zentrale Frage offen: Reagieren Orcas wirklich auf die Grindwale selbst – oder spielt in diesen Situationen etwas anderes eine Rolle?
Frühere Studien hatten Tonaufnahmen von Orca-Lauten abgespielt, um zu prüfen, wie Grindwale reagieren.
Selbmann und ihr Team drehten den Ansatz um und nahmen die Grindwale aus der Situation heraus. Statt auf natürliche Begegnungen zu warten, spielten sie markierten Orcas Aufnahmen von Grindwal-Rufen vor.
Die Reaktion fiel deutlich aus: Die Orcas rückten enger zusammen, veränderten ihr Lautverhalten, drehten ab und erhöhten das Tempo. Allein die Rufe der Grindwale reichten also aus, um bei Orcas eine klare Vermeidungsreaktion auszulösen.
„Da frühere Arbeiten gezeigt haben, dass Grindwale von Schwertwal-Lauten angezogen werden, zeigt unsere Studie zusätzlich, dass akustische Signale diese zwischenartlichen Interaktionen in beide Richtungen vermitteln können“, schrieben die Forschenden.
Warum Grindwale so entschlossen auf Orcas zuzugehen scheinen – und weshalb Orcas im Gegenzug fliehen –, ist weiterhin nicht wirklich geklärt. Wie die Autorinnen und Autoren betonen, wurden trotz vieler beobachteter Kontakte keine direkten körperlichen Angriffe von Grindwalen auf Orcas berichtet.
Mögliche Erklärungen: gemeinschaftliches Vertreiben, Ressourcen, Kälberschutz
Eine denkbare Erklärung ist ein Verhalten, bei dem Beutetiere oder potenzielle Zieltiere sich zusammenschließen, um einen gefährlichen Räuber so lange zu bedrängen, bis er das Gebiet verlässt.
Am häufigsten kennt man das von Vögeln – etwa wenn Krähen eine Person mit Maske attackierend umfliegen oder Beos lautstark Alarm wegen einer Katze schlagen. Für den Räuber ist es oft einfacher, wegzuziehen, als sich mit einer immer wieder heranstürzenden Gruppe auseinanderzusetzen – und genau das tut er dann.
Allerdings bleibt es vorerst bei einer Hypothese. Andere Erklärungen, etwa Konkurrenz um Ressourcen oder der Schutz besonders verletzlicher Jungtiere, lassen sich nicht ausschließen.
Trotz allem könnte in der Geschichte eine kleine Lektion für uns alle stecken: Wenn man nicht der größte und stärkste sein kann, erreicht man seine Ziele vielleicht, indem man einfach der nervigste ist.
Dieser Artikel wurde von Rachel Garner auf Fakten geprüft und von Peter Dockrill redaktionell bearbeitet. So sehr wir unseren Prozess schätzen, wir sind auch nur Menschen. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, sagen Sie uns bitte Bescheid.
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