Schmetterlinge zeichnen die Landkarte ihrer Lebensräume neu. Eine weltweite Auswertung zu Verschiebungen von Verbreitungsgebieten zeigt auf allen Kontinenten, auf denen sie vorkommen, Bewegungen – in einem Ausmaß, das frühere Übersichten nicht erfasst haben.
Die Folgen reichen weit über die Insekten hinaus. Schmetterlinge bestäuben Pflanzen, dienen Vögeln als Nahrung und funktionieren als Frühwarnsystem. Wenn sich ihre Verbreitungsgebiete so schnell verlagern, verschieben sich ganze Nahrungsnetze mit.
Für die Analyse wurden 6,182 Datensätze zu Verbreitungsverschiebungen von 1,758 Arten aus 105 Ländern zusammengetragen. Das entspricht etwa jeder zehnten Schmetterlingsart, die der Wissenschaft bislang bekannt ist.
Verbreitungsgebiete von Schmetterlingen verschieben sich weltweit
Geleitet wurde die Arbeit von Dr. Shawan Chowdhury, dem Leiter des Global Change Ecology Lab an der Monash University. Als Ko-Autoren waren 68 Schmetterlingsfachleute aus 49 Ländern beteiligt.
„We found butterfly species shifting their ranges on every continent where they occur. The scale is astonishing, and it’s happening far beyond the well-studied regions of Europe and North America,“ sagt Chowdhury.
Im Datensatz weiteten 80% der Arten ihr Verbreitungsgebiet aus. Weitere 27% zeigten eine Schrumpfung, und 22% verlagerten sich entlang von Berghängen nach oben oder unten. Eine einzelne Art kann dabei mehreren Kategorien zugleich zugeordnet sein.
Als wichtigste Treiber wurden Klimawandel und Extremwetter identifiziert: Sie standen mit 79% der dokumentierten Verschiebungen in Zusammenhang. Danach folgten Landwirtschaft sowie menschliche Störungen – und genau diese Faktoren dominierten dort, wo Verbreitungsgebiete kleiner wurden.
Ausbreitung ist keine gute Nachricht
Eine Ausdehnung des Areals klingt zunächst wie ein Erfolg. Chowdhury warnt jedoch davor, das automatisch positiv zu deuten.
Gegenüber Earth.com erklärte Chowdhury: „Range expansion should not be treated as good news by default. A species may expand in one region while declining in another, and movement can signal that former habitats are becoming unsuitable.“
Für die Planung ist dieser Unterschied entscheidend: Eine Karte, die eine Art in einem neuen Gebiet zeigt, sagt nichts darüber aus, was sie am anderen Rand ihres bisherigen Areals möglicherweise verloren hat.
Hinter den Zahlen steckt zudem ein „Verkehrsproblem“ – und es liefert eine Erklärung dafür, weshalb so viele Bewegungen scheitern.
„In many cases, climate change may push species to move, while land-use change blocks the route,“ sagt Chowdhury.
Auch die Studie betont: Selbst wenn das Klima in neuen Regionen grundsätzlich passend wird, kann eine Besiedlung ausbleiben, wenn Wirtspflanzen, geeignete Mikroklimate oder miteinander verbundene Lebensräume fehlen.
Daten zu tropischen Schmetterlingen bleiben rar
Die Abdeckung ist stark ungleich verteilt. In fünf europäischen Ländern – Tschechien, Finnland, Luxemburg, Spanien und Schweden – existieren Aufzeichnungen für mehr als die Hälfte der jeweiligen Schmetterlingsarten.
In den meisten anderen Ländern sind Verschiebungen für weniger als 10% des nationalen Artenpools dokumentiert. Am dünnsten ist die Datenlage in Zentralafrika, Südostasien, Neuguinea und im Amazonasbecken.
Gerade dort ist das Risiko besonders hoch: Tropische Schmetterlinge leben bereits nahe an ihren oberen Temperaturlimits, haben häufig enge Verbreitungsgebiete und nur wenige kühle Rückzugsräume in erreichbarer Nähe.
„The tropics surprised me most. By including non-English studies and expert knowledge, we found more tropical evidence than would usually appear in global reviews,“ sagt Chowdhury.
Am deutlichsten ist die Lücke bei Höhenverschiebungen: In tropischen Ländern wurde das nur selten erfasst – obwohl ungefähr zwei Drittel der Schmetterlingsarten überwiegend an Berghängen leben.
Das Klima treibt die meisten Verschiebungen der Verbreitungsgebiete
Das Team ordnete die berichteten Ursachen den Bedrohungskategorien der IUCN zu. Insgesamt wurden neun Kategorien genannt; an der Spitze lagen Klimawandel und Extremwetter, die bei 278 der 352 Arten mit verfügbaren Bedrohungsdaten verknüpft waren.
Unterschiedliche Belastungen hinterlassen unterschiedliche Muster: Für Arealausweitungen und Höhenwanderungen stand das Klima an erster Stelle, während Landwirtschaft sowie menschliches Eindringen und Störungen bei Arealrückgängen am häufigsten genannt wurden.
Beispiele gibt es auf mehreren Kontinenten. In Deutschland führte die Entwässerung von Mooren dazu, dass Boloria aquilonaris einen großen Teil seines Lebensraums im Land einbüßte.
In den USA wiederum drängte das Auftreten von Pieris rapae Pieris oleracea zu einem starken Rückzug.
Auch regional zeigen sich Unterschiede. In Ozeanien rangierten Bebauung und invasive Arten oben, während in Südamerika menschliches Eindringen und Störungen überwogen.
Was diese Einflüsse in Summe bedeuten, verdeutlichen langjährige Zählreihen aus Großbritannien: Selbst ein heißer Sommer steigert die Bestände inzwischen nicht mehr so, wie es früher der Fall war.
Globale Datenlücken schließen
Auch die Evidenzbasis selbst wurde zu einem zentralen Ergebnis. Eine Auswertung nur englischsprachiger Arbeiten verzerrte das Bild in Richtung Ausbreitungen und ließ Rückgänge kleiner erscheinen.
Erst durch die Einbeziehung von Studien in 15 Sprachen sowie 68 Experteneinschätzungen veränderte sich das Muster der Befunde deutlich.
„When we included non-English studies and expert knowledge, a completely different global picture emerged,“ sagt Chowdhury.
„We need long-term, locally led monitoring supported by proper funding. That means working with local researchers, natural history societies, museums, citizen scientists and conservation groups,“ sagt Chowdhury.
Er betont zudem, dass es nicht allein um mehr Datensätze geht: „The key is not only collecting more data, but supporting the people and institutions already working in these regions,“ sagt Chowdhury.
Die Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, wie die Prozentwerte zu verstehen sind: Sie spiegeln wider, wie gut Verschiebungen von Schmetterlingsarealen dokumentiert sind – nicht, wie häufig sie tatsächlich auftreten. Zudem kann eine Verzerrung den Anteil der Ausbreitungen künstlich erhöhen.
Naturschutz muss Schmetterlingen folgen
Schutzgebiete wurden für eine Welt entworfen, in der Verbreitungsgrenzen weitgehend stabil sind. Rund 76% der Insektenarten sind im bestehenden Netzwerk nur unzureichend abgedeckt; bei wandernden Schmetterlingen steigt der Wert auf 85%.
„Conservation planning needs to move beyond static maps and consider where species are moving, where they are being lost, and whether landscapes allow them to move safely,“ sagt Chowdhury.
Praktisch heißt das: Korridore schaffen, Wirtspflanzen fördern, kühlere Rückzugsräume sichern und Lebensräume wiederherstellen – und zugleich die Nektarqualität berücksichtigen, die durch die Erwärmung unbemerkt abnimmt.
Nationale Umsetzungspläne im Rahmen des Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework müssen Daten zu Verschiebungen von Schmetterlingsverbreitungsgebieten in Raumplanung und Berichterstattung integrieren.
„Butterflies are early-warning indicators. If their ranges are shifting this dramatically, it signals profound changes across ecosystems,“ sagt Chowdhury.
Bildnachweis: Shawan Chowdhury
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