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Monumentale Ausgrabung in Halibee im Afar-Graben Äthiopiens enthüllt Leben vor 100.000 Jahren

Ein Archäologe untersucht am Flussufer Schädel und Knochen in einer Ausgrabungsstätte in trockener Landschaft.

Eine außergewöhnlich große archäologische Ausgrabung in Afrika hat Einblicke in das Leben von Menschen geliefert, die dort vor rund 100.000 Jahren lebten.

Tausende Steinartefakte, Wirbeltierreste und Sedimente deuten darauf hin, dass Homo sapiens diesen Ort in einer waldreichen Umgebung immer wieder aufsuchte – eine ressourcenreiche Rückzugslandschaft in der damals wilden Savanne des heutigen Afar-Grabens in Äthiopien, noch bevor sich moderne Menschen nach Eurasien ausbreiteten.

Ganz ungefährlich war dieses Refugium allerdings womöglich nicht. Drei unvollständige menschliche Skelette, die die Zeit überstanden haben, erzählen von drei sehr unterschiedlichen Enden: einer relativ raschen Überdeckung, Verbrennungsspuren und Überresten, die von Wildtieren beschädigt wurden.

„Während wiederkehrender, kurzzeitiger Aufenthalte in dieser reichen Landschaft teilten Menschen dieses Einzugsgebiet mit einer Vielzahl von Tieren“, schreibt ein Team um den Archäologen Yonas Beyene vom Französischen Zentrum für Äthiopische Studien in Äthiopien.

„Die Beschaffung von lokal offen zutage tretendem Rohmaterial“, so das Team weiter, „ermöglichte während Aufenthalten unbekannter Häufigkeit und Dauer die Herstellung feiner sowie robuster Werkzeuge.“

„Die Ergebnisse dieser Herstellung – und manchmal auch die Überreste der menschlichen Besucher – wurden in Überschwemmungsschlämmen auf einer aufschüttenden Aue abseits des Hauptflussbetts eingebettet. Heute werden sie durch langsame Wind- und Wassererosion bei Faro Daba freigelegt.“

Fundort Halibee im Afar-Graben: ein offenes Archiv

Die archäologische Fundstelle Halibee, Teil des Untersuchungsgebiets Middle Awash im Afar-Graben Äthiopiens, gilt als außergewöhnlich ergiebig.

Beyene und sein Team legen den Ort seit Jahren mit großer Sorgfalt frei und stoßen dabei auf Spuren wiederholter Nutzung durch Menschen. Bemerkenswert ist vor allem, dass es sich um eine Freilandfundstelle handelt – also nicht um einen Höhlenkontext, in dem altpaläolithische Fundplätze häufig liegen und durch die Umgebung besser geschützt sind.

Im jüngsten Grabungsabschnitt richteten die Forschenden den Blick auf Sedimentschichten, die auf etwa ein Centamillennium, also rund 100.000 Jahre, datieren.

Nicht allein die Menge der Funde und der Freilandcharakter machen Halibee besonders, sondern auch die Art, wie die Relikte erhalten blieben. In Höhlen wachsen Sedimentpakete oft langsam an, weil Menschen über lange Zeiträume hinweg vergleichsweise kontinuierlich vor Ort waren. Solche Sequenzen sind als Archive wertvoll, doch die zeitliche und personelle Zuordnung einzelner Handlungen ist mitunter schwer.

Halibee war hingegen einst eine Auenlandschaft, in der Aufenthalte eher episodisch gewesen sein dürften. Menschen kamen und gingen; zurückgelassene Gegenstände wurden dann durch von Flutereignissen abgelagerte Sedimente relativ schnell überdeckt. Genau das kann klarere Momentaufnahmen einzelner Besuche konservieren. Als fruchtbarer Lebensraum zog die Fläche zudem zahlreiche Tierarten an.

Viele der geborgenen Steinwerkzeuge und Knochen lagen noch dort, wo sie einst abgelegt oder fallen gelassen wurden. Dadurch erhalten Beyene und seine Kolleginnen und Kollegen einen selten direkten Einblick darin, wie frühe Menschen die Umgebung nutzten.

Werkzeuge und Tierwelt: Spuren wiederholter Besuche

Die Steinartefakte zeigen, dass die Besucherinnen und Besucher sowohl feinere Schneidwerkzeuge als auch schwerere, belastbare Geräte herstellten – und dafür vor allem vor Ort verfügbares Gestein nutzten. Zwischen 65 und 82 Prozent aller Steinartefakte aus den jeweiligen Grabungen bestehen aus lokal vorhandenem Basalt. Zudem fanden sich Hinweise darauf, dass Werkzeuge direkt am Fundort produziert wurden.

Nur 2 Prozent der Artefakte sind aus Obsidian gefertigt, der in der unmittelbaren Umgebung nicht vorkommt. Das spricht entweder für Austauschbeziehungen oder für größere Bewegungsradien.

Parallel dazu legte das Team ein breites Spektrum an Tierknochen frei, darunter Reste von Affen, Antilopen, Hühnervögeln, Schlangen, Eidechsen, Nagetieren und sogar großen Räubern – etwa einer Katze in der Größenordnung heutiger Löwen. Auffällig ist: An keinem der Tierknochen fanden sich Hinweise auf Schlachtspuren.

Drei menschliche Individuen, drei sehr unterschiedliche Schicksale

Besonders aufschlussreich sind die menschlichen Überreste. Die Knochen von drei Individuen zeichnen drei verschiedene Szenarien dafür nach, was nach dem Tod geschehen sein könnte.

Beim ersten Individuum handelt es sich wahrscheinlich um einen Mann. Angesichts des großen Zeitabstands ist sein Skelett erstaunlich gut erhalten. Die Beschaffenheit der Knochen spricht dafür, dass der Körper begraben wurde, als das Skelett noch vollständig und im Verband lag und Weichgewebe vorhanden war – also relativ kurz nach dem Tod.

Hinweise auf eine gezielte Bestattung als bewussten Ritus gibt es jedoch nicht. Denkbar ist beispielsweise, dass der Körper durch rasch ansteigende, saisonale Überflutungen natürlich überdeckt wurde. Weitere Funde könnten, so die Forschenden, künftig mehr Klarheit schaffen.

Das zweite Individuum ist bislang nur durch einen Backenzahn und einige kleine Knochenfragmente vertreten. Diese zeigen Verkohlungsspuren – doch wie beim vermutlich schnell überdeckten Mann lässt sich nicht entscheiden, ob dahinter menschliches Handeln oder ein natürlicher Vegetationsbrand stand.

Das dritte Individuum verdeutlicht schließlich die Härte des Lebens in einer steinzeitlichen Savanne. Die Knochen zeigen, so schreiben die Forschenden, „umfangreiche Hinweise auf perimortale, von Karnivoren verursachte Schäden, mit alten Grübchen, Zahnrillen und Frakturen. Gelenke fehlen.“

Diese Spuren seien „perimortal“, also zeitlich eng an den Tod gebunden. Dennoch bleibt – wie bei den beiden anderen Individuen – die konkrete Situation ungewiss: Es ist nicht zu bestimmen, ob Verletzungen durch Fleischfresser zum Tod beitrugen oder ob die Schäden durch Aasfressen kurz danach entstanden.

Bedeutung für die Archäologie des Middle Awash

In der Zusammenschau lassen die Entdeckungen einen Ort wieder lebendig werden, an dem Menschen und Tiere einst gleichzeitig lebten. Die Hinterlassenschaften ihrer Lebensweisen und Todesumstände bilden einen Fundschatz, der nach Einschätzung von Beyene und seinem Team zu einem tragenden Baustein für die Archäologie der Region werden dürfte.

„Die an der Oberfläche und im Untergrund liegenden Ressourcen, die im Halibee-Member Äthiopiens eingebettet sind, werden über Generationen hinweg Bestand haben“, schreiben sie in ihrer Arbeit.

Weitere Untersuchungen am Fundplatz Halibee werden die bisherigen Entdeckungen voraussichtlich besser einordnen, so die Forschenden – „genauso wie die mittelpleistozänen Belege, die direkt unter dem Halibee-Member liegen, dazu beitragen werden zu verstehen, wie sich Verhaltensweisen, Anatomien und Umwelten der Bewohner des Middle Awash über tiefe Zeiträume hinweg verändert haben“.

Die Ergebnisse wurden in den Proceedings der Nationalen Akademie der Wissenschaften veröffentlicht.

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