Mit zunehmendem Alter wächst bei vielen Menschen die Sorge, dass das Gedächtnis nachlässt. Zahlreiche Erwachsene fürchten, durch Demenz oder Alzheimer ihre Selbstständigkeit zu verlieren.
Eine langjährige US-Studie liefert nun ermutigende Hinweise: Kurzes, computerbasiertes Gehirntraining – kombiniert mit späteren Auffrischungseinheiten – könnte das Demenzrisiko sogar noch 20 Jahre später senken.
Über zwei Jahrzehnte hinweg begleiteten Forschende ältere Erwachsene und beobachteten, dass insbesondere eine bestimmte mentale Übung anhaltende Vorteile bringt.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Gehirngesundheit durch gezieltes Üben verbessern lässt – ohne komplizierte Behandlungen.
Geschwindigkeitstraining stärkt die geistige Leistungsfähigkeit
Beim kognitiven Geschwindigkeitstraining stehen schnelle visuelle Verarbeitung und Aufmerksamkeit im Mittelpunkt. Die Teilnehmenden schauen auf einen Computerbildschirm und müssen Formen oder Symbole möglichst rasch erkennen.
Mit besseren Leistungen wird das Training schrittweise anspruchsvoller. Wer schneller reagiert, schaltet schwierigere Stufen frei; wer langsamer ist, erhält ein leichteres Tempo.
Damit unterscheidet sich dieses Vorgehen von Programmen für Gedächtnis oder Schlussfolgern. Gedächtnistraining vermittelt zum Beispiel Techniken wie das Gruppieren von Wörtern, während Trainings zum Schlussfolgern regelbasiertes Problemlösen einüben.
Geschwindigkeitstraining baut Fähigkeiten dagegen über wiederholte Ausführung auf, nicht über das Erlernen von Regeln. Forschende bezeichnen es als prozedurales Lernen, bei dem Gewohnheiten und Fertigkeiten durch Übung gefestigt werden.
Gedächtnis- und Schlussfolger-Programme stützen sich hingegen auf deklaratives Lernen, bei dem Fakten und Strategien im Vordergrund stehen. Neurowissenschaftliche Befunde zeigen, dass prozedurales Lernen im Alter häufig robuster erhalten bleibt.
Effekte über Jahrzehnte nachverfolgt
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werteten Daten aus der Studie „Advanced Cognitive Training for Independent and Vital Elderly“, kurz ACTIVE, aus. Die Rekrutierung startete 1998 und 1999; teilgenommen haben 2,802 Erwachsene im Alter von 65 Jahren und älter.
Die Teilnehmenden wurden einer von vier Gruppen zugeteilt: Geschwindigkeitstraining, Gedächtnistraining, Training zum Schlussfolgern oder keine Trainingsmassnahme. Die Trainings bestanden aus zehn Sitzungen à einer Stunde über einen Zeitraum von fünf bis sechs Wochen.
Ein grosser Teil absolvierte später zusätzliche Booster-Sitzungen – ungefähr ein Jahr und drei Jahre nach dem ersten Training.
Für die 20-Jahres-Nachbeobachtung verknüpften die Forschenden die Studiendaten mit Medicare-Abrechnungsdaten. Die Diagnosen stammten damit aus der realen medizinischen Versorgung statt aus Studientests, wodurch sich Demenzdiagnosen über die Zeit verlässlich verfolgen liessen.
Was zeigte sich nach 20 Jahren?
In einer Gruppe war der Unterschied deutlich. Rund 40 Prozent der Erwachsenen, die Geschwindigkeitstraining plus Booster-Sitzungen erhalten hatten, entwickelten eine Demenz. Bei den Erwachsenen ohne Training lag der Anteil mit Diagnose bei fast 49 Prozent.
Die statistische Auswertung ergab ein um 25 Prozent geringeres Demenzrisiko bei Erwachsenen, die das Geschwindigkeitstraining inklusive Booster absolvierten. Ohne Booster zeigte das Geschwindigkeitstraining keinen relevanten Nutzen.
Auch Gedächtnistraining und Training zum Schlussfolgern senkten das Demenzrisiko nicht.
Das Einstiegsalter spielte ebenfalls keine Rolle. Erwachsene, die zwischen Mitte 60 und über 90 Jahre mit dem Training begannen, profitierten in ähnlichem Ausmass – ein Hinweis darauf, dass ein Start auch im hohen Alter möglich ist.
Training durch Booster-Sitzungen verstärken
Die Booster-Sitzungen verstärkten die Trainingseffekte vermutlich, weil sie zuvor gebildete neuronale Verbindungen erneut aktivieren und festigen. Für den Nutzen kommen zwei Gründe infrage.
Zum einen erhöhten die zusätzlichen Termine die gesamte Trainingsdosis, sodass sich die Fertigkeiten weiter vertiefen konnten. Zum anderen passten die Booster den Schwierigkeitsgrad an die Fortschritte an und hielten die Herausforderung konstant.
Studien zeigen, dass adaptives Training stärkere Veränderungen im Gehirn auslösen kann als Programme mit fixem Schwierigkeitsniveau.
Darüber hinaus verbessert Geschwindigkeitstraining die geteilte Aufmerksamkeit – also die Fähigkeit, mehrere visuelle Informationen gleichzeitig zu verarbeiten.
Beim Autofahren, beim Navigieren durch belebte Strassen oder beim Lesen von Schildern sind genau solche Kompetenzen gefragt. Bessere geteilte Aufmerksamkeit könnte daher die Alltags-Selbstständigkeit stützen.
Anhaltende Effekte auf die Gehirngesundheit
Dr. Marilyn Albert, Leiterin des Alzheimer’s Disease Research Center an der Johns Hopkins School of Medicine, betonte, wie bedeutsam auch kleine Interventionen sein können.
„Zu sehen, dass ein durch Booster verstärktes Geschwindigkeitstraining zwei Jahrzehnte später mit einem geringeren Demenzrisiko verbunden war, ist bemerkenswert, weil es darauf hindeutet, dass eine ziemlich bescheidene nichtpharmakologische Intervention langfristige Wirkungen haben kann“, sagte Dr. Albert.
„Schon kleine Verzögerungen beim Beginn einer Demenz könnten grosse Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben und helfen, steigende Gesundheitskosten zu senken.“
Die Forschenden hielten fest, dass die Ergebnisse die weitere Entwicklung und Verfeinerung kognitiver Trainingsprogramme für ältere Erwachsene unterstützen – insbesondere solcher, die visuelle Verarbeitung und geteilte Aufmerksamkeit gezielt fördern.
Die Teilnehmenden mit dem grössten Nutzen absolvierten innerhalb von drei Jahren nicht mehr als 18 Trainingseinheiten, weshalb die Tatsache, dass sich fast zwei Jahrzehnte später noch messbare Vorteile zeigen, besonders auffällt.
Training für gesünderes Altern des Gehirns
Allein verhindert Geschwindigkeitstraining keine Demenz. Die Gehirngesundheit wird von vielen Faktoren beeinflusst. Als wichtige Stützen nennen Forschende körperliche Aktivität, Herz-Kreislauf-Gesundheit, Blutzuckerkontrolle und geistige Anregung.
Aktuelle Präventionsprogramme kombinieren deshalb häufig Bewegung, Ernährung und kognitives Training. Geschwindigkeitstraining könnte Netzwerke im Gehirn stärken, die Aufmerksamkeit und schnelle Entscheidungen unterstützen, und damit lebensstilbasierte Ansätze sinnvoll ergänzen.
Die ACTIVE-Ergebnisse zeigen, dass mentales Training keinen Schaden verursacht und möglicherweise einen langanhaltenden Nutzen bietet. Schon wenige Stunden konzentriertes Üben könnten helfen, die Selbstständigkeit bis ins hohe Alter zu schützen.
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