Allen ist klar, wofür der Rio steht: spektakuläre Strände, Karneval und den Cristo Redentor. Doch zwischen Juni und August kommt eine Überraschung hinzu, mit der nur wenige rechnen: Buckelwale, die nur wenige Kilometer vor der Küste aus dem Wasser auftauchen – am selben Horizont, an dem auch der Pão de Açúcar zu sehen ist. Dieses Schauspiel ist keine Legende, es passiert gerade jetzt – und man kann es mit eigenen Augen erleben.
Warum die Buckelwale ausgerechnet im Winter an Rio vorbeiziehen
Buckelwale legen eine der längsten Wanderungen der Erde zurück. Den antarktischen Sommer verbringen sie in den eisigen Gewässern der Antártida, wo sie sich von Krill ernähren. Wenn auf der Südhalbkugel der Herbst beginnt, starten sie ihre Reise von mehr als 4.000 Kilometern Richtung brasilianischer Küste – in wärmere Meere, um sich zu paaren, zu gebären und die Jungtiere zu säugen. Rio de Janeiro liegt genau auf dieser Route; deshalb gilt die Zeit von Juni bis November in der Stadt als Saison der Buckelwale.
Für die meisten Tiere ist das eigentliche Ziel das Arquipélago de Abrolhos in Bahia, das als wichtigstes Aufzuchtgebiet der Art in Brasilien gilt. Auf dem Weg dorthin ziehen jedoch Hunderte entlang der Küste von Rio, und einige bewegen sich sogar zwischen den Ilhas Cagarras, ganz nah an der Strandlinie – ein Phänomen, das in den letzten Jahren häufiger und deutlich besser zu beobachten ist.
- Ilhas Cagarras: wichtigster Aussichtspunkt in Rio; Touren starten an der Marina da Glória und steuern Gebiete in etwa 10 km Entfernung von der Küste an
- Praia de São Conrado: weniger voll als andere Strände der Zona Sul, mit der Pedra da Gávea im Hintergrund; hier ziehen Buckelwale regelmässig vorbei
- Pão de Açúcar: Im Parque Bondinho befindet sich Rios erste feste Wal-Beobachtungsstation – auf knapp 400 Metern Höhe, mit optischen Geräten für grosse Distanzen
- Praia Vermelha: Ausgangspunkt für Bootsausflüge, die während der Zugzeit die südliche Küstenregion Rios abfahren
- Pedra do Arpoador: Der Name erzählt bereits die Vergangenheit: Von diesem Aussichtspunkt aus wurden in der Kolonialzeit Wale gesichtet, die in der Baía de Guanabara mit Harpunen gejagt wurden
Von fast ausgerottet zu über 35.000: der Wendepunkt der Buckelwale in Brasilien
Noch vor wenigen Jahrzehnten war eine Buckelwal-Sichtung in Rio praktisch undenkbar. Industrieller Walfang hatte die Population massiv dezimiert und die Art an den Rand des Verschwindens gebracht. Eine entscheidende Wende kam 1986 mit dem weltweiten Verbot der Jagd; in Brasil wurde der Schutz 1987 durch den Start des Programms gefestigt, aus dem das Instituto Baleia Jubarte hervorging. 2014 wurden Buckelwale in Brasilien von der offiziellen Liste der vom Aussterben bedrohten Arten gestrichen.
Inzwischen geht man davon aus, dass die Gruppe, die entlang der brasilianischen Küste wandert, mehr als 35.000 Tiere umfasst. Die Erholung trägt eine ironische Note der Geschichte: Berichte der ersten Europäer, die in Rio ankamen, beschrieben eine Baía de Guanabara, die voller Wale und anderer Meeressäuger gewesen sein soll. Vier Jahrhunderte später beobachten Forschende, wie sich etwas sehr Ähnliches wieder vor ihren Augen abzeichnet.
Wie eine Beobachtungstour abläuft und womit man rechnen sollte
Die Ausfahrten beginnen meist früh am Morgen an der Marina da Glória und führen in Richtung der Gewässer bei den Ilhas Cagarras. Es ist eine Tour auf offenem Meer – mit Wind, Strömungen und Wellengang, die sich unterwegs spürbar verändern können. Buckelwale kommen etwa alle fünf bis acht Minuten zum Atmen an die Oberfläche; das macht die Sichtung leichter. Oft verrät sie zuerst der Blas: ein Dampfstrahl über dem Wasser, bevor man den Wal selbst erkennt.
Verantwortungsvolles Whale-Watching: Regeln, die Wale und Menschen an Bord schützen
Visit Rio hat für die Saison 2026 einen offiziellen Leitfaden mit Empfehlungen für gutes Verhalten veröffentlicht.
Der Leitfaden basiert auf den Vorgaben von IBAMA sowie den Protokollen des Instituto Baleia Jubarte. Er fordert unter anderem einen Mindestabstand von 100 Metern zu den Walen, das Vermeiden jeder Kurskreuzung mit den Tieren und das Abschalten des Motors beim Nähern. Zu geringe Distanz kann Buckelwale dazu zwingen, zusätzliche Energie für Ausweichmanöver aufzuwenden – besonders problematisch für Tiere, die nach Monaten der Migration die Küste erreichen.
Ein Buckelwal kann bis zu 40 Tonnen wiegen und 16 Meter lang werden. Selbst eine scheinbar leichte Berührung durch ein Boot kann für beide Seiten gefährlich sein. Umso wichtiger ist es, Anbieter zu wählen, die offiziell zugelassen sind und nach einem klaren Protokoll arbeiten – für alle, die beobachten möchten, ebenso wie für diejenigen, die auf dem Meer leben und arbeiten.
2024 sprang ein Buckelwal direkt vor dem Pão de Açúcar – ein Foto, das um die Welt ging. Der Fotograf Humberto Baddini hielt die Szene während einer Monitoring-Ausfahrt fest. Das Bild bringt auf den Punkt, was diese Zeit so aussergewöhnlich macht: wilde Natur neben der ikonischsten Stadt Brasiliens – sichtbar für alle, die wissen, wo und wann sie hinschauen müssen.
Was man auf den Touren ausser Walen noch sehen kann
Bei den Ausfahrten vor der Küste Rios sind Buckelwale selten die einzige Attraktion. Die Ilhas Cagarras gelten als Hotspot mariner Biodiversität; auf der Strecke begegnet man häufig Delfinen, Schweinswalen, Pinguinen und weiteren Arten. Der Archipel – bestehend aus Cagarra, Comprida, Redonda und das Palmas – zählt zu den reichsten geschützten Meeresökosystemen von Rio de Janeiro. Gerade die Beobachtungstouren haben geholfen, dieses Naturerbe im nachhaltigen Tourismus der Stadt stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
Der Winter hatte es in Rio lange schwer als Reisezeit. Doch seit die Buckelwale Jahr für Jahr pünktlich auftauchen, hat die Saison ein neues, echtes und unvergessliches Argument – für alle, die zur richtigen Stunde am richtigen Küstenabschnitt stehen.
Kennt ihr jemanden, der diesen Winter nach Rio reisen will? Teilt das weiter und erzählt vom beeindruckendsten Naturschauspiel, das die Stadt in dieser Jahreszeit zu bieten hat.
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