Milliarden gut genährter, zufriedener Bakterien: Genau dort beginnt die Dekarbonisierung des Gassektors – über die Erzeugung von Biogas und in der Folge von Biomethan. Dieses Gas aus erneuerbaren Quellen hat dieselbe Molekülstruktur wie Erdgas (ein Kohlenstoff- und vier Wasserstoffatome) und kann deshalb in das nationale Netz eingespeist werden – und sicher bei Haushalten an Herd und Warmwassergerät ankommen.
Der 2024 verabschiedete Aktionsplan für Biomethan setzt klare Etappenziele für die Ablösung von Erdgas, einem fossilen Brennstoff: 9% bis 2030 und 19% bis 2040. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts sollen dadurch bei Gasimporten rund 135 Mio. € eingespart werden.
Der Start des Plans zog sich hin, doch inzwischen haben die biogaserzeugenden Mikroorganismen an mehreren Orten im Land „eine Adresse“. In der Region Niederalentejo, im Landkreis Aljustrel, ist das Projekt von Capwatt im April in den Regelbetrieb („Reisegeschwindigkeit“) übergegangen – nach einer Testphase von November 2025 bis März 2026. Das Unternehmen, das Sonae Capital Industrials gehört (und damit zur Efanor-Holding der Familie Belmiro de Azevedo), hat rund 20 Mio. € investiert; die Bauarbeiten dauerten etwa anderthalb Jahre.
Mitten in der weiten Ebene Südportugals – zwischen Korkeichen und Steineichen, intensiv bewirtschafteten Olivenhainen und endlosen Mandelbaumreihen – stehen die vier grossen Fermenter von Capwatt. Praktisch handelt es sich um Tanks mit Wasser, das konstant auf 40 °C gehalten wird. Darüber sitzen grosse weisse Kuppeln, die schon aus Kilometern Entfernung zu sehen sind. So entsteht eine „überhitzte“ Umgebung für Mikroorganismen – die ideale „Pool“-Temperatur für die Gasproduktion.
Dass die Bakterien dabei stets „gut gefüttert“ werden, liegt in der Verantwortung von Ricardo Castro, dem Leiter der Capwatt-Anlage. Er empfängt uns in der brandneuen Fabrik und führt – wie in einem kompakten Praxisunterricht in Chemie – Schritt für Schritt durch den Prozess.
Die Verdauung der Bakterien – ohne sie keine Dekarbonisierung
Für die Biogasproduktion in Aljustrel braucht das Unternehmen vor allem die flüssigen Rückstände („Wässer“) aus den Industrieprozessen der benachbarten AZPO. Dort wird aus Oliventrester Öl gewonnen. Pro Jahr fallen 164.000 Tonnen dieses stark toxischen, intensiv riechenden (aber kohlenstoffreichen) „Wassers“ an – und gelangen über eine eigene Leitung auf einer Strecke von weniger als einem Kilometer von Werk zu Werk.
Im nächsten Schritt mischt Capwatt die Flüssigkeit in zwei riesigen, an „Suppentöpfe“ erinnernden Behältern – jeweils mit Rührwerk und einem Fassungsvermögen von 500 m³ – mit Abfällen aus der Geflügelindustrie (Hühnermist, reich an Stickstoff). Ziel ist eine „optimale Mischung“, die als Nahrung für die Bakterien dient, damit diese über einen Prozess namens anaerobe Vergärung in einem „künstlichen Magen“ (bei dem Mikroorganismen organisches Material ohne Sauerstoff zersetzen) Biogas erzeugen, bestehend aus Methan und Kohlendioxid.
Anschliessend, so der Verantwortliche, werden die beiden Moleküle mittels Membranen physikalisch getrennt: Auf der einen Seite bleibt Biomethan (CH4, in einem eigenen Speicherzylinder), auf der anderen CO2 (in zwei dafür vorgesehenen Zylindern). Nach der Reinigung kann das CO2 zudem als Nebenprodukt über langfristige Verträge verkauft werden – etwas, das Capwatt nach eigenen Angaben genau jetzt erprobt.
Capwatt plant weitere Biomethan-Anlagen
Derzeit produziert Capwatt in Aljustrel täglich 10 Tonnen Biomethan. Damit es per Tanklastwagen transportiert werden kann, wird es bei -150 °C verflüssigt und versorgt dann autonome Gasversorgungsanlagen in mehreren Städten – besonders hervorzuheben ist Évora. Wöchentlich verlassen drei Lkw die Anlage, jeweils mit 20 Tonnen Biomethan beladen: zusammen 60 Tonnen pro Woche (von 70 Tonnen, die dort wöchentlich erzeugt werden). In der Einheit arbeiten mehr als 10 Personen (direkte und indirekte Arbeitsplätze). Tagsüber wird der Betrieb mit erneuerbarem Strom im Eigenverbrauch versorgt, erzeugt durch ein Solarkraftwerk mit 2 MW; für Warmwasser steht zusätzlich ein Heizkessel auf Basis pflanzlicher Biomasse zur Verfügung.
„Das Projekt in Aljustrel ist unser erstes in Portugal und belegt, dass Biomethan in Portugal mit verfügbarer Technologie und nationalen Nebenprodukten machbar ist. Bei der Entscheidung waren die gesicherte, stabile und lokale Rohstoffbasis – aus der Olivenwertschöpfung im Süden – und die Möglichkeit, das Biomethan bis ins Netz zu bringen, ausschlaggebend“, sagte Cristiano Amaro, iberischer Direktor für Biomethan bei Capwatt, gegenüber Expresso. Capwatt ist nicht nur in Portugal aktiv, sondern auch in Mexiko, Spanien, Italien und Polen.
Nach Angaben des Managers verfügt die Anlage über eine Jahreskapazität von 57 GWh Biomethan. In das nationale Erdgas-System gelangt das Gas über autonome Einheiten – Speicher- und Regasifizierungsanlagen, die entscheidend sind, um Regionen ohne Pipeline-Netz mit Gas zu versorgen. „Évora ist eines von mehreren Zielen, die die Ladungen mit verflüssigtem Biomethan aus Aljustrel ansteuern“, so Cristiano Amaro. Die von REN inzwischen ausgegebenen Herkunftsnachweise seien „für den Sektor entscheidend, weil sie die Rückverfolgbarkeit und die Wertschöpfung von Biomethan sicherstellen“.
Parallel bereitet Capwatt im Land weitere Projekte für erneuerbare Gase vor. „Das ist erst die erste Anlage, aus einem grossen Paket, das wir entwickeln. Wir arbeiten an Projekten in Monforte, Ferreira do Alentejo und Tomar, neben weiteren Standorten. Portugal ist nur eine von mehreren Regionen, in denen wir in den Biomethan-Sektor investieren. Wir sind auch sehr aktiv in Spanien, Italien und Polen“, sagt der Verantwortliche.
Regierung veröffentlicht Biomethan-Atlas und Anreize für die Netzeinspeisung
Zwei Jahre nach der Verabschiedung des Aktionsplans für Biomethan 2024–2040 hat die Regierung in der vergangenen Woche das neue Biomethan-Portal vorgestellt, das Informationen zum Plan und zu seiner Umsetzung bündelt. Hinzu kommen ein vereinfachtes Genehmigungsverfahren für Biomethan-Projekte sowie ein bereits vom Präsidenten der Republik promulgiertes Gesetzespaket mit Anreizen für die Einspeisung von Biomethan in das Gasnetz.
Laut dem Lagebericht der Generaldirektion für Energie und Geologie (DGEG) wurden 42 Projekte zur Biomethan-Erschliessung in Portugal vorgeschlagen. Zudem präsentierte die Regierung einen Biomethan-Atlas, der Gebiete mit Produktionspotenzial sowie bereits existierende Vorhaben ausweist – 16 Projekte davon verfügen über öffentliche Finanzierung.
Die Ministerin für Umwelt und Energie, Maria da Graça Carvalho, sprach von Vorhaben mit bereits beachtlicher Dimension und nannte als Beispiel das Projekt in Aljustrel, das die Stadt Évora versorgt. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Lusa erklärte die Ministerin, die Genehmigungsregeln liessen sich noch weiter vereinfachen. Ausserdem verwies sie auf landwirtschaftliche Betriebe, die nicht „ordnungsgemäss legalisiert“ seien – ein Problem, das gelöst werden müsse, weil die dort anfallenden Rohstoffe bzw. Abfälle dann nicht genutzt werden dürften.
Kürzlich teilte REN – in ihrer Rolle als ausstellende Stelle für Herkunftsnachweise – mit, die ersten Garantien für in Portugal produziertes Biomethan ausgegeben zu haben. Produzent war ausgerechnet Capwatt; das Unternehmen wurde damit zur ersten Einheit, die im nationalen Gebiet ein Produktionszertifikat für dieses erneuerbare Gas erhielt. Es bleibt jedoch nicht bei diesem Einzelfall.
Dass sich Biomethan-Projekte landesweit vermehren, zeigen Zahlen, die Gabriel Sousa, Vorsitzender der Geschäftsführung von Floene, Expresso nannte. Das Unternehmen, das das Erdgas-Verteilnetz in Portugal betreibt, zählt 263 Anträge auf Einspeisung erneuerbarer Gase: 156 für grünen Wasserstoff und 107 für Biomethan. Bei Biomethan stiegen die Anträge im letzten Jahr um 47%, während sie beim Wasserstoff stabil blieben. Bei den bereits unterzeichneten Verträgen liegen 18 für Biomethan und vier für Wasserstoff vor.
„Die Ausgabe der ersten Herkunftszertifikate in Portugal ist ein sehr wichtiger Schritt, um Biomethanproduktion und -verbrauch zusammenzubringen. Ab jetzt profitieren unter anderem Keramik- und Glasunternehmen davon, Biomethan zu kaufen, das im Land produziert wird“, sagt der Manager. Zugleich berichtet er, das auf nationaler Ebene „relevanteste“ Biomethan-Projekt speise bereits in die städtischen Netze von Orten wie Évora, Faro oder Olhão ein, die über eigene Gasinfrastrukturen verfügen, welche über lokale Speicheranlagen versorgt werden.
„Anstatt wie früher Erdgas am REN-Terminal in Sines abzuholen, versorgen Tanklastwagen diese Städte nun mit verflüssigtem Biomethan aus diesem Projekt im Süden. Seit Anfang 2026 nutzt Évora ausschliesslich Biomethan, das im nationalen Gebiet produziert wird – das heisst: In Bezug auf die Nutzung von Erdgas ist die Stadt vollständig dekarbonisiert“, erläutert Gabriel Sousa und betont, dass dies nun auf das gesamte Land übertragen werden müsse.
Dazu sollen fünf weitere Projekte beitragen, die sich in einem fortgeschrittenen Stadium befinden – in Aveiro, Coimbra, Leiria, Amadora und Seixal – und die laut Floene-CEO „die Einspeisung noch bis zum Jahresende aufnehmen“ sollen. Diese Anlagen erzeugen bereits Biogas aus der Verbrennung kommunaler Abfälle und „setzen jetzt eine Investition um, um aufzurüsten und Biogas in Biomethan umwandeln zu können“. Die übrigen Biomethan-Projekte mit unterschriebenem Vertrag bei Floene sollen zwischen 2027 und 2028 an das Netz angeschlossen werden.
Bezogen auf das Ziel von 9% Biomethan im Gasnetz bis 2030 entspricht das laut Gabriel Sousa 2,7 Terawattstunden (TWh); „die Projekte, die dieses Jahr angeschlossen werden, sowie weitere in Vorbereitung, kommen auf etwa 2,4 TWh“. „Die Projekte nehmen Gestalt an, und es passiert etwas. Ich halte es für gut möglich, die Ziele des Biomethan-Aktionsplans zu erreichen“, meint der CEO. Er verweist dabei auf den Umstand, dass die Regierung im März einen neuen Mechanismus zur Mitfinanzierung der Anschlusskosten von Biomethan- und anderen erneuerbaren Gas-Anlagen an das Netz verabschiedet hat. Derzeit tragen Produzenten 100% der Verbindungskosten zwischen ihren Projekten und dem Gasnetz; künftig soll ein Teil über das Nationale Gassystem übernommen werden – mit „minimalen“ Auswirkungen auf die Tarife, wie er versichert.
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