Wissenschaftliche Detektivarbeit hat in den Gewässern rund um Bermuda einen besonders verstörenden Fall von Hai-gegen-Hai-Prädation ans Licht gebracht.
Dort wurde ein trächtiger Heringshai getötet und gefressen – und bekannt ist ihr Schicksal nur, weil sie mit einer Satellitenmarke versehen war. Ausgerechnet die ungewöhnlichen Temperaturdaten lieferten am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit die einzig schlüssige Erklärung.
„Ich konnte es nicht glauben, als ich die Daten von der Satellitenmarke unseres trächtigen Heringshais erhielt“, sagte die Meeresbiologin Brooke Anderson von der Arizona State University gegenüber ScienceAlert.
„Ich habe immer wieder versucht, alternative Erklärungen für den Temperaturanstieg in der Tiefe zu finden, aber alle Hinweise liefen auf dasselbe hinaus … dass unser trächtiges Heringshai-Weibchen von einem noch größeren Hai gefressen worden sein musste.“
Heringshai (Lamna nasus): Verbreitung, Bedrohung und Fortpflanzung
Heringshaie (Lamna nasus) sind große Makrelenhaie, die weltweit weit verbreitet vorkommen – ihre Bestände gehen jedoch in besorgniserregendem Maß zurück. Zum einen sind sie ein beliebtes Ziel im Freizeitangeln, zum anderen werden sie auch in der kommerziellen Fischerei gezielt gefangen und landen dort zusätzlich als Beifang.
Diese Haie erreichen Längen von bis zu 3,7 Metern (12,1 Fuß), können bis zu 230 Kilogramm (507 Pfund) wiegen und werden über mehrere Jahrzehnte alt. Wie andere Makrelenhaie sind sie ovovivipar: Der Nachwuchs entwickelt sich zunächst in Eiern im Körper der Mutter, schlüpft dann noch im Mutterleib und beendet dort die Tragezeit. Nach rund acht bis neun Monaten werden die Jungtiere lebend geboren.
Weibchen beginnen erst etwa mit 13 Jahren, sich fortzupflanzen, und bekommen anschließend etwa alle ein bis zwei Jahre Würfe mit bis zu ungefähr vier Jungtieren.
Gerade diese langsame Reproduktionsrate macht die Art besonders anfällig für Bestandsrückgänge – vor allem, wenn mehrere Gefahren gleichzeitig wirken. Um besser zu verstehen, wie sich diese gefährdeten Tiere schützen lassen, beobachteten Anderson und ihr Team die Art mit Satellitenmarken, die Bewegungen und Verhalten der Haie aufzeichnen.
So funktionieren die eingesetzten Pop-off-Tags und Flossen-Tags
Zum Einsatz kamen sogenannte Pop-off-Tags. Sie erfassen über einen festgelegten Zeitraum unter anderem Temperatur, Wassertiefe und eine grobe Position. Die Daten werden gespeichert, bis der Sender „abfällt“, sich also vom Tier löst und zur Oberfläche auftreibt.
Registriert der Tag drei Tage lang keine Veränderungen im Wasserdruck, geht das System davon aus, dass er nicht mehr am Hai befestigt ist, und übermittelt sämtliche gespeicherten Daten an die Forschenden. Zusätzlich sendet ein an der Flosse montierter Sender genauere Positionsdaten, sobald die Flosse aus dem Wasser ragt.
Das trächtige Heringshai-Weibchen mit einer Länge von 2,23 Metern wurde am 28. Oktober 2020 markiert. Am 3. April 2021 begannen die Forschenden, Daten vom Pop-off-Tag zu empfangen.
Auffällige Messwerte am 24. März 2021 im Nordatlantik
Die übertragenen Informationen wirkten ungewöhnlich. Bis zum 24. März 2021 sah das Verhalten des Heringshais weitgehend normal aus. Seit Ende Dezember hielt sie sich im Nordatlantik auf und tauchte nachts typischerweise auf 100 bis 200 Meter, tagsüber dagegen auf 600 bis 800 Meter. Dabei bewegte sie sich in Temperaturbereichen von 6,4 bis 23,52 Grad Celsius (43,5 bis 74,3 Grad Fahrenheit).
Am 24. März registrierte der Tag am selben Ort weiterhin vergleichbare Tiefenwerte, nämlich zwischen 150 und 600 Metern. Die Temperatur lag jedoch deutlich höher – etwa 5 Grad Celsius über der Temperatur des umgebenden Wassers.
Warum das Team auf einen größeren Räuber schließt
Für Anderson und ihre Kolleginnen und Kollegen kam letztlich nur eine Erklärung in Frage: Der Heringshai muss von einem Prädator gefressen worden sein, höchstwahrscheinlich von einem Weißen Hai (Carcharodon carcharias) oder von einem Kurzflossen-Mako (Isurus oxyrinchus). Beide Arten sind teilweise endotherm – ihre Muskelarbeit erzeugt beim Schwimmen Wärme.
Vermutlich befand sich die Satellitenmarke eine Zeit lang im Verdauungstrakt des Räubers. Nach der Ausscheidung stieg sie zur Meeresoberfläche auf und begann von dort 3,5 Tage später mit der Datenübertragung.
„Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass der Temperaturanstieg darauf zurückging, dass der Hai in eine wärmere Wassermasse wechselte – wenn man alle weiteren Daten berücksichtigt, etwa die Veränderung im Tauchverhalten, die vorzeitige Auslösung des Pop-off-Satellitentags und den Umstand, dass wir vom Flossen-Satellitentag nie weitere Positionsdaten erhalten haben“, erklärte Anderson.
„All diese weiteren Hinweise sprechen weiterhin dafür, dass Prädation das wahrscheinlichste Schicksal unseres Hais war.“
Bedeutung für den Bestand: Mehr als nur ein Tier verloren
Zwar ist dies nicht der erste Hinweis darauf, dass große Haie einander fressen; allerdings wird ein solches Verhalten nur selten beobachtet. Es handelt sich zudem um den ersten dokumentierten Fall, bei dem ein Heringshai als Beute in einer solchen Begegnung nachgewiesen wurde. Dass das Tier trächtig war, macht den Vorfall besonders besorgniserregend: In einem einzigen Ereignis wurden nicht nur ein, sondern mehrere Haie aus der Heringshai-Population entfernt. Das deutet darauf hin, dass Prädation ein Belastungsfaktor für das Überleben der Art sein könnte, der bislang unterschätzt wurde.
Anderson geht nicht davon aus, dass dieses Verhalten erst недавно entstanden ist, sondern eher, dass bislang schlicht die technischen Möglichkeiten fehlten, es zu entdecken. Eine intensivere Markierung von Heringshaien – und auch anderer Haiarten – könnte helfen, besser zu verstehen, warum Heringshaie in die offenen Gewässer des Nordatlantiks wandern, wie häufig solche Begegnungen auftreten und welche Folgen sie für die Heringshai-Population haben.
„Die Rätsel des offenen Ozeans zu lösen war schon immer schwierig, und erst die Entwicklung und der Fortschritt von Satelliten-Tagging-Technologien in den letzten Jahrzehnten hat es uns ermöglicht, neue Verhaltensweisen bei Meeresarten wie hochmobilen Haien nachzuverfolgen und aufzudecken“, sagte sie gegenüber ScienceAlert.
„Ich denke, je mehr dieser Tiere wir markieren und verfolgen können, desto mehr Verhaltensweisen dieser Art werden sichtbar werden.“
Die Studie wurde in Frontiers in Marine Science veröffentlicht.
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