Seit Beginn der Menschheitsgeschichte hat kaum ein anderes Tier menschliche Gesellschaften so nachhaltig beeinflusst wie das Pferd. Trotzdem ist bis heute eine der hartnäckigsten wissenschaftlichen Fragen offen geblieben: Wann und auf welche Weise begannen Menschen, Pferde zu domestizieren?
Schon vor einer halben Million Jahren oder länger jagten frühe menschliche Vorfahren Pferde mit Holzspeeren – den ersten Waffen überhaupt – und nutzten Knochen als Material für einfache Werkzeuge.
Im späten Paläolithikum, also bereits vor 30.000 Jahren oder mehr, standen Wildpferde auch im Zentrum künstlerischer Darstellung: In der Höhlenkunst Eurasiens sind sie das am häufigsten abgebildete Tier.
Nach der ersten Domestikation wurden Pferde zum Fundament des Hirtentums in den Grasländern Innerasiens. Technologische Sprünge wie Streitwagen, Sattel und Steigbügel trugen dazu bei, dass Pferde über weite Teile der antiken Welt zum wichtigsten Fortbewegungsmittel wurden – für Reisen, Kommunikation, Landwirtschaft und Krieg.
Dank Seereisen gelangten die Tiere später bis an die Küsten aller grossen Landmassen – sogar nach Antarktika, wenn auch nur kurz.
Mit ihrer Ausbreitung veränderten Pferde Ökologie, soziale Ordnung und Wirtschaft in einem bis dahin unbekannten Ausmass. Erst die industrielle Mechanisierung drängte ihre beinahe universelle Rolle in der Gesellschaft zurück.
Gerade weil Pferde unsere gemeinsame Menschheitsgeschichte so stark geprägt haben, ist die Klärung von Wann, Warum und Wie der Domestikation ein Schlüssel zum Verständnis der Welt von heute.
Doch genau diese Rekonstruktion erweist sich als überraschend schwierig. In meinem neuen Buch „Hufschläge: Wie Pferde die Menschheitsgeschichte prägten“ bündele ich neue archäologische Befunde, die das Bild, das Forschende wie ich lange für gesichert hielten, grundlegend verschieben.
Eine Hypothese zur Pferdedomestikation
Im Lauf der Jahre wurde nahezu jede Zeit und fast jeder Ort der Erde als möglicher Ursprung der Pferdedomestikation vorgeschlagen: von Europa vor zehntausenden Jahren bis hin zu Regionen wie Saudi-Arabien, Anatolien, China oder sogar den Amerikas.
Das mit Abstand einflussreichste Erklärungsmodell blieb jedoch die indoeuropäische Hypothese, besser bekannt als die „Kurgan-Hypothese“.
Ihr zufolge stiegen irgendwann im 4. Jahrtausend v. Chr. oder noch früher Bewohner der Steppen Westasiens und des Schwarzmeerraums – die als Yamnaya bekannt sind und grosse Grabhügel, sogenannte Kurgane, errichteten – auf Pferde.
Diese neue Mobilität der frühen Reiter soll, so die Erzählung, riesige Wanderungsbewegungen über den Kontinent befördert haben. Dabei hätten sich vorindoeuropäische Sprachen und Kulturen über Eurasien verbreitet.
Doch worauf stützt sich die „Kurgan-Hypothese“ zur ersten Pferdedomestikation tatsächlich? Viele der entscheidenden Hinweise stammen aus Knochen und Zähnen urzeitlicher Tiere – ausgewertet in der Archäozoologie.
In den vergangenen 20 Jahren schien sich archäozoologische Evidenz auf eine andere Idee zuzubewegen: dass Pferde zunächst an Fundplätzen der Botai-Kultur in Kasachstan domestiziert wurden. Dort wurden grosse Mengen an Pferdeknochen in Schichten gefunden, die ins 4. Jahrtausend v. Chr. datieren.
Hinzu kamen weitere, indirekte Indizien. Archäologinnen und Archäologen dokumentierten Spuren, die wie Pfostenlöcher wirkten und zu frühen Pfercheinfriedungen gehört haben könnten.
Ausserdem traten Keramikfragmente zutage, in denen fetthaltige Pferderückstände nachgewiesen wurden. Isotopenmessungen deuten darauf hin, dass diese Rückstände in den Sommermonaten abgelagert wurden – einer Jahreszeit, in der Milch von domestizierten Pferden gewonnen werden kann.
Als vermeintlich „rauchender Colt“ galten jedoch Veränderungen an Zähnen und Unterkieferknochen einiger Botai-Pferde. Ähnlich wie bei vielen modernen und historischen Reitpferden schienen die Zähne durch ein Zaumzeugmundstück, also ein Gebiss, abgerieben worden zu sein.
In der Summe schien das Material stark dafür zu sprechen, dass die Domestikation in Nordkasachstan um 3500 v. Chr. erfolgt sei – nicht exakt im Kernland der Yamnaya, aber geografisch nahe genug, um die Grundidee der „Kurgan-Hypothese“ nicht zu gefährden.
Allerdings passten bestimmte Details der Botai-Geschichte nie wirklich ins Bild. Mehrere Untersuchungen zeigten von Beginn an, dass die Zusammensetzung der Pferdereste in Botai untypisch für die meisten späteren Weidewirtschaftskulturen ist: Es finden sich ähnlich viele männliche wie weibliche Tiere, überwiegend in einem gesunden, fortpflanzungsfähigen Alter.
Würde man regelmässig genau solche Tiere töten, würde das eine Zuchtherde ruinieren. Dieses demografische Muster ist dagegen häufig bei gejagten Populationen.
Bei einigen Botai-Pferden steckten sogar Projektilspitzen in den Rippen – ein Hinweis darauf, dass sie durch Jagd starben und nicht durch kontrollierte Schlachtung.
Diese offenen Fragen standen lange im Schatten eines Grundkonsenses, der Botai mit der Domestikation von Pferden verknüpfte.
Neue wissenschaftliche Werkzeuge werfen weitere Fragen auf
In den letzten Jahren haben rasante Fortschritte bei archäologischen und naturwissenschaftlichen Methoden zentrale Annahmen zu Botai, Yamnaya und den frühen Kapiteln der Mensch-Pferd-Beziehung ins Wanken gebracht.
Erstens zeigen verbesserte biomolekulare Verfahren, dass das, was in Botai geschah, kaum mit der Domestikation der Pferde zu tun hatte, die heute leben.
2018 ergab die Sequenzierung nuklearer Genome, dass Botai-Pferde nicht die Vorfahren domestizierter Pferde waren, sondern des Przewalski-Pferdes – eines wilden Verwandten aus der Steppe, der zumindest in der überlieferten Geschichte nie domestiziert wurde.
Zweitens: Als Kolleginnen, Kollegen und ich die Knochenmerkmale, die man in Botai mit Reiten in Verbindung gebracht hatte, erneut prüften, stellten wir fest, dass ähnliche Auffälligkeiten auch bei eiszeitlichen Wildpferden aus Nordamerika auftreten – und diese Tiere waren ganz sicher nie geritten worden.
Obwohl Reiten durchaus charakteristische Veränderungen an Zähnen und Kieferknochen verursachen kann, argumentierten wir, dass die kleinen Befunde an Botai-Pferden plausibel durch natürliche Variation oder individuelle Lebensgeschichte erklärbar sind.
Damit stand die Frage wieder offen im Raum: Gab es in Botai überhaupt Pferdetransport?
Die Kurgan-Hypothese hinter uns lassen
In den vergangenen Jahren ist der Versuch, die archäologischen Spuren zur Pferdedomestikation zu einem stimmigen Gesamtbild zu verbinden, eher widersprüchlicher als klarer geworden.
So wiesen Archäologinnen und Archäologen 2023 darauf hin, dass Probleme an Hüft- und Beinknochen in Yamnaya- und frühen osteuropäischen Bestattungen jenen ähneln, die man bei berittenen Menschen findet – was zur „Kurgan-Hypothese“ passen würde.
Doch solche Belastungsschäden können auch durch andere Formen tiergestützter Fortbewegung entstehen, etwa durch Rinderkarren, wie sie an Fundplätzen aus der Yamnaya-Zeit nachgewiesen sind.
Wie also sollen Archäologinnen und Archäologen diese gegensätzlichen Signale einordnen?
Ein schärferes Bild könnte näher sein, als wir denken. Eine detaillierte Genomstudie zu frühen eurasischen Pferden, die im Juni 2024 in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist, zeigt, dass Yamnaya-Pferde nicht zu den Vorfahren der ersten domestizierten Pferde gehörten, die als DOM2-Linie bezeichnet werden.
Zudem liefern Yamnaya-Pferde kein genetisches Indiz für eine enge Kontrolle der Fortpflanzung, etwa Veränderungen, wie sie mit Inzucht zusammenhängen.
Stattdessen tauchen die ersten DOM2-Pferde erst kurz vor 2000 v. Chr. auf – deutlich nach den Yamnaya-Migrationen und unmittelbar bevor Pferdebestattungen und Streitwagen erstmals ebenfalls im archäologischen Befund erscheinen.
Aktuell scheint sich die Evidenz darauf zu verdichten, dass die Domestikation wahrscheinlich tatsächlich in den Schwarzmeersteppen stattfand, jedoch wesentlich später, als es die „Kurgan-Hypothese“ verlangt.
Demnach gewann die menschliche Kontrolle über Pferde erst kurz vor der explosionsartigen Ausbreitung von Pferden und Streitwagen über Eurasien im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. an Dynamik.
Vieles bleibt dennoch offen. In der jüngsten Studie verweisen die Autorinnen und Autoren auf auffällige Muster in den Botai-Daten, besonders auf Schwankungen in genetischen Schätzungen zur Generationszeit – also dazu, wie lange eine Tierpopulation im Durchschnitt braucht, um Nachkommen hervorzubringen.
Könnte das darauf hindeuten, dass Botai-Gruppen die wilden Przewalski-Pferde zwar in Gefangenschaft hielten, aber nur zur Fleischgewinnung und ohne Nutzung für Transport? Möglich. Künftige Forschung wird hier Klarheit schaffen.
So oder so ist aus den widersprüchlichen Hinweisen eines deutlich geworden: Die frühesten Kapitel der Geschichte von Mensch und Pferd müssen neu erzählt werden.
William Taylor, Assistant Professor und Kurator für Archäologie, University of Colorado Boulder
Dieser Artikel wurde aus The Conversation unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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