Klimawandel, schwindende Lebensräume, invasive Arten, Überfischung: Keiner dieser Stressfaktoren lässt nach, und Ökosysteme weltweit stecken die Einschläge ein.
Eine neue Synthese-Studie setzt genau unter diesem Schadensbild an und stellt die grundlegende Frage:
Was sorgt eigentlich dafür, dass ein Ökosystem einen Schlag verkraftet und trotzdem weiter funktioniert – also weiterhin Fische hervorbringt, Wasser reinigt und die Nahrungsnetze stabil hält, von denen Menschen und Wildtiere abhängen – statt sich unbemerkt aufzulösen?
Die Antwort der Forschenden am Zentrum für Ökosystemmanagement wirkt zunächst fast widersprüchlich: Es geht um „Unordnung“. Genauer gesagt um die ökologische Unordnung, die aus echter Vielfalt entsteht.
Dasselbe Prinzip wie bei der Finanzberatung
Für diese schützende Form von Vielfalt gibt es in der Ökologie einen festen Begriff: Portfolioeffekte. Dass der Ausdruck nach Finanzwelt klingt, ist kein Zufall.
Ein breit gestreutes Aktienportfolio verkraftet es, wenn ein einzelnes Unternehmen abstürzt, weil Verluste an anderer Stelle aufgefangen werden.
In vergleichbarer Weise funktioniert ein Ökosystem: Wenn Arten, Lebensräume und ökologische Wechselwirkungen ausreichend variieren und zugleich auf mehreren Ebenen ablaufen, kann das Gesamtsystem Störungen schlucken, die es sonst aus der Bahn werfen würden.
Der Nutzen ist dabei mehr als nur eine Art Katastrophenschutz. Die Forschenden zeigen, dass Portfolioeffekte ein Nahrungsnetz nicht nur dann stabilisieren, wenn etwas schiefläuft – sie können die Produktivität sogar in ruhigen Zeiten erhöhen.
Tragend ist dabei die Habitatheterogenität. Sie hebt den Effekt nach oben, überträgt ihn über trophische Ebenen hinweg und über die räumliche Struktur einer Landschaft: Stabilität, die auf einer Skala entsteht, kann dadurch Stabilität an ganz anderer Stelle verstärken.
„Ökosystem-Resilienz bedeutet nicht nur, viele Arten zu haben, sondern die Variation innerhalb und zwischen Skalen aufrechtzuerhalten, die einzelnen Organismen, Arten und Ökosystemen hilft, zu bestehen und sich anzupassen“, sagte die leitende Autorin der Studie, Kayla Hale.
Vielfalt in Landschaften und Arten
Der unbequeme Teil ist: Genau die menschlichen Eingriffe in Landschaften reduzieren häufig ausgerechnet jene Vielfalt, die Ökosysteme resilient macht.
Landnutzungsänderungen, das Einbringen invasiver Arten oder eine aggressive Entnahme von Ressourcen drücken Lebensräume und biologische Gemeinschaften in Richtung Gleichförmigkeit.
Sobald diese Gleichförmigkeit dominiert, schwindet die Pufferwirkung, die Portfolioeffekte normalerweise liefern – und mit ihr nimmt auch die Vorhersagbarkeit ab. Ökosysteme werden anfälliger für einen echten, dauerhaften Niedergang.
Variation zwischen Lebensräumen ist entscheidend, weil Störungen fast nie eine ganze Landschaft gleichmässig treffen. Bereiche, die intakt bleiben, stützen dann jene Flächen, die gerade unter Druck stehen.
Variation zwischen Arten und Populationen ist aus einem anderen Grund wichtig: Sie gibt einer Lebensgemeinschaft die Möglichkeit, sich unter neuen Bedingungen neu zu sortieren – und dabei trotzdem ihre Funktion zu erfüllen und weiterhin die Ressourcen zu erzeugen, von denen alles „stromabwärts“ abhängt.
Diese Formen der Variation wirken nicht getrennt voneinander. Sie verstärken sich gegenseitig – und genau das ermöglicht es einem Ökosystem, sich unter Belastung zu biegen, statt zu brechen.
„Diese Arbeit unterstreicht Biodiversität und Habitatheterogenität als eine Form natürlicher Versicherung“, sagte Hale.
„Der Schutz dieser Variation hilft, die Fähigkeit von Ökosystemen zu erhalten, auf erwartete und unerwartete Umwelt-Herausforderungen zu reagieren.“
Neu überlegen, wofür Naturschutz eigentlich da ist
Das bleibt nicht auf die Grossen Seen beschränkt. Die Konsequenzen reichen in Naturschutzstrategien, Ökosystemmanagement und jene politischen Entscheidungen hinein, die Ökosystemleistungen in einer Welt sichern sollen, die nicht stillsteht.
Die Forschenden argumentieren, dass der Schutz und die Wiederherstellung von Vielfalt – über Lebensräume, Arten und die Beziehungen zwischen ihnen hinweg – zu den schärfsten verfügbaren Werkzeugen gehören könnte, um Ökosysteme mit dem globalen Wandel Schritt halten zu lassen.
Und der bereits entstandene Schaden muss nicht das letzte Wort sein.
Die Fachleute betonen, dass gezielte Managementmassnahmen Prozesse, die Resilienz fördern, aktiv wieder aufbauen können, auch wenn sie zuvor bereits abgetragen wurden. Damit gehört Wiederherstellung ebenso in die Debatte wie Schutz.
Ein neuer Blick auf Biodiversität
Im Kern läuft das auf ein grundsätzlich anderes Biodiversitätsverständnis hinaus. Vielfalt ist nicht nur etwas, das man bewahren sollte, weil sie schön ist oder weil ihr Verlust sich moralisch falsch anfühlt.
Sie wirkt – leise und dauerhaft – als Versicherung, die ein Ökosystem erst dann „einlöst“, wenn sich die Bedingungen plötzlich gegen es wenden.
Resilienz selbst, so die Studie, ist keine feste Eigenschaft, die manche Ökosysteme besitzen und andere nicht.
Sie entsteht immer wieder neu: aus Diversität, die gleichzeitig auf allen Skalen wirksam ist – vom einzelnen Organismus bis zur gesamten Landschaft.
Wird diese Variation geschützt, steigen die Chancen, dass ein Ökosystem auch das nächste Unvorhergesehene übersteht – ob geplant oder nicht – und auch in Jahren noch für Menschen und Arten liefert, die darauf angewiesen sind.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen