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Achtsamkeit: Warum Wissenschaftler bei der Definition uneinig sind

Mann in weißem Kittel studiert Gehirn-Scans auf Tablet und notiert in ein Notizbuch an einem Holztisch.

In den vergangenen 20 Jahren ist das Konzept der Achtsamkeit weltweit enorm populär geworden. Weil es heute vielerorts zum Alltag gehört, wird es in ganz unterschiedlichen Kontexten vermittelt – von Betrieben und Schulen bis hin zu Sportangeboten und dem Militär.

In sozialen Medien, im Fernsehen und in Wellness-Apps erscheint Achtsamkeit häufig als etwas scheinbar Eindeutiges: ruhig bleiben und die Aufmerksamkeit auf den aktuellen Moment richten.

Grosse Unternehmen wie Google setzen Achtsamkeitsprogramme ein, damit Mitarbeitende konzentrierter arbeiten und weniger Stress empfinden. Kliniken nutzen Achtsamkeit, um Menschen beim Umgang mit Schmerzen zu unterstützen und die psychische Gesundheit zu stärken. Inzwischen greifen Millionen zu Achtsamkeits-Apps, die Versprechen abgeben, die von weniger Stress bis zu besserem Schlaf reichen.

Als Professor für Religionswissenschaft, der über Jahre untersucht hat, wie Achtsamkeit in verschiedenen Traditionen und historischen Epochen verstanden und praktiziert wird, ist mir unter dieser Welle der Begeisterung jedoch ein erstaunliches Problem aufgefallen: Wissenschaftler, Kliniker und Pädagogen sind sich bis heute nicht einig, was Achtsamkeit eigentlich ist – oder wie sie sich messen lässt.

Da Forschende unter dem Etikett „Achtsamkeit“ unterschiedliche Dinge erfassen, können zwei Studien zu sehr verschiedenen Einschätzungen dessen kommen, was die Praxis tatsächlich bewirkt. Für Menschen, die sich bei der Wahl einer Meditations-App oder eines Programms auf Studienergebnisse stützen, ist das relevant.

Die Untersuchung, auf die Sie sich verlassen, kann etwa eine Fähigkeit wie Aufmerksamkeit, emotionale Ruhe oder Selbstfreundlichkeit prüfen – also nicht unbedingt genau das, was Sie entwickeln möchten. Dadurch wird es schwieriger, Befunde zu vergleichen; zugleich kann Unsicherheit entstehen, welcher Ansatz im Alltag wirklich hilft.

Von alten Traditionen zur modernen Wissenschaft

Achtsamkeit ist tief in buddhistischen, hinduistischen, jainistischen, sikhischen und weiteren asiatischen kontemplativen Linien verankert. Das buddhistische „Satipatthana Sutta: The Foundations of Mindfulness“ stellt die fortlaufende, momentweise Beobachtung von Körper und Geist in den Mittelpunkt.

Im Hinduismus bezeichnet „dhyāna“ (Kontemplation) das Einüben einer stabilen Ausrichtung, etwa auf den Atem oder ein Mantra; die jainistische Praxis „samayika“ (Übung der Gleichmut) stärkt eine ruhige Ausgeglichenheit gegenüber allen Wesen; und im Sikhismus zielt „simran“ (kontinuierliches Erinnern) darauf, selbstbezogenes Denken in ein tieferes Gewahrsein der zugrunde liegenden Wirklichkeit jedes Augenblicks übergehen zu lassen.

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begannen Lehrende und Kliniker, solche Techniken für säkulare Umgebungen zu adaptieren – am bekanntesten über achtsamkeitsbasierte Stressreduktion und weitere therapeutische Programme. Von dort aus wanderte Achtsamkeit in Psychologie, Medizin, Bildung und sogar in die betriebliche Gesundheitsförderung.

So wurde sie in vielen wissenschaftlichen und professionellen Bereichen zu einem häufig genutzten – allerdings oft unterschiedlich definierten – Instrument.

Warum Wissenschaftler bei Achtsamkeit uneinig sind

Sobald es um die heutige Nutzung von Achtsamkeit in Feldern wie der Psychologie geht, steht das Definitionsproblem im Zentrum. Denn je nachdem, worauf sich Forschende konzentrieren, entwickeln sie Tests, die genau diese Vorstellung abbilden.

Ein Teil der Wissenschaft versteht Achtsamkeit vor allem als Aufmerksamkeitsleistung: die Fähigkeit, das, was gerade geschieht, gezielt und anhaltend wahrzunehmen.

Andere definieren Achtsamkeit primär über Emotionsregulation – also darüber, in belastenden Situationen ruhig zu bleiben.

Eine weitere Gruppe von Studien rückt Selbstmitgefühl in den Vordergrund, also einen freundlichen Umgang mit sich selbst, wenn Fehler passieren.

Wieder andere betonen moralische Sensibilität: Achtsamkeit solle Menschen dabei helfen, klügere, ethischere Entscheidungen zu treffen.

Wie unterschiedlich diese Verständnisse sind, zeigt sich deutlich an den Instrumenten, die zur Messung von Achtsamkeit eingesetzt werden.

Die Mindful Attention Awareness Scale (MAAS) fragt danach, wie gut jemand im gegenwärtigen Moment präsent und fokussiert bleibt.

Das Freiburger Achtsamkeitsinventar (FMI) erfasst, ob eine Person Gedanken und Gefühle beim Auftauchen bemerken kann und sie ohne Bewertung annimmt.

Das Comprehensive Inventory of Mindfulness Experiences (CHIME) ergänzt etwas, das viele andere Skalen auslassen: Fragen zu ethischer Aufmerksamkeit sowie dazu, weise, moralische Entscheidungen zu treffen.

Folglich ist vergleichende Forschung anspruchsvoll – und für Menschen, die achtsamer werden wollen, kann es zusätzlich irritierend sein, weil unklar bleibt, welcher Weg passend ist. Denn unterschiedliche Programme stützen sich auf unterschiedliche Definitionen von Achtsamkeit; entsprechend variieren die vermittelten Fähigkeiten und die in Aussicht gestellten Effekte teils stark.

Das heisst: Wer einen Achtsamkeitskurs oder eine App auswählt, kann – ohne das jeweilige Verständnis und die Messweise zu kennen – am Ende etwas ganz anderes lernen, als ursprünglich erwartet.

Warum verschiedene Skalen Unterschiedliches messen

John Dunne, ein Wissenschaftler für buddhistische Philosophie an der University of Wisconsin–Madison, liefert eine hilfreiche Erklärung für die Beobachtung, dass scheinbar alle über Achtsamkeit etwas anderes meinen. Dunne zufolge ist Achtsamkeit kein einzelnes, klar umrissenes Phänomen, sondern eine „family“ verwandter Praktiken, geprägt durch unterschiedliche Traditionen, Ziele und kulturelle Hintergründe.

Damit wird verständlich, warum Forschende und Praktizierende häufig aneinander vorbeireden. Wenn eine Studie Aufmerksamkeit misst und eine andere Mitgefühl, passen die Resultate nicht sauber zusammen. Und wer Achtsamkeit übt, sollte wissen, ob der eingeschlagene Weg vor allem die Beruhigung des Geistes, Selbstfreundlichkeit oder ethisch bewusste Entscheidungen betont.

Warum das wichtig ist

Weil Achtsamkeit nicht nur „eine“ Sache ist, hat das Folgen dafür, wie sie erforscht, praktiziert und vermittelt wird – sowohl auf institutioneller als auch auf individueller Ebene.

In Bereichen wie Schule oder Gesundheitswesen sieht ein Programm, das Stress reduzieren soll, deutlich anders aus als ein Angebot, das Mitgefühl oder ethische Sensibilität lehrt.

Fehlt die begriffliche Klarheit, wissen Lehrkräfte, Ärzte und Berater womöglich nicht, welcher Ansatz ihre Ziele am besten unterstützt. Ein ähnlicher Gedanke gilt in Unternehmen, wenn es um Organisationseffektivität und Stressmanagement geht.

Trotz der Uneinigkeit zeigt die Forschung, dass unterschiedliche Formen der Achtsamkeit unterschiedliche Arten von Nutzen hervorbringen können. Praktiken, die die momentane Aufmerksamkeit schärfen, werden mit besserer Konzentration und höherer Arbeitsleistung in Verbindung gebracht.

Ansätze, die auf Akzeptanz ausgerichtet sind, helfen tendenziell dabei, Stress, Angst und chronische Schmerzen besser zu bewältigen. Eine Ausrichtung auf mitgefühlsbasierte Methoden kann die emotionale Widerstandskraft stärken. Programme, die ethische Aufmerksamkeit betonen, können ein nachdenklicheres, prosoziales Verhalten fördern.

Diese Bandbreite an Effekten erklärt mit, weshalb Forschende weiterhin darüber diskutieren, welche Definition von „Achtsamkeit“ die wissenschaftliche Arbeit anleiten sollte.

Für alle, die Achtsamkeit individuell praktizieren, ist das eine Erinnerung daran, Übungen auszuwählen, die zu den eigenen Bedürfnissen passen.

Ronald S. Green, Professor und Leiter des Fachbereichs Philosophie und Religionswissenschaft, Coastal Carolina University

Dieser Beitrag wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz aus The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalbeitrag.

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