Weißbüschelaffen sind kleine, niedliche Affen aus Südamerika – doch man sollte diese Winzlinge nicht unterschätzen. Hinter ihrem zierlichen Äusseren steckt ein Tier mit erstaunlich komplexem Sozialleben, das in Trupps hoch oben in den Baumkronen organisiert ist.
Weißbüschelaffen und „Phee-Rufe“: Namen im Trupp
Eine neue Studie zeigt: Mitglieder eines Weißbüschelaffen-Trupps sprechen einander sogar mit Namen an – ein Verhalten, das bislang nur bei drei besonders „hirnigen“ Tieren dokumentiert war: Elefanten, Delfinen und Menschen. (Auch Papageien wurden dabei beobachtet, individuelle stimmliche Signaturen auszubilden, um sich selbst kenntlich zu machen.)
Wie die Autorinnen und Autoren berichten, greifen Weißbüschelaffen dafür auf bestimmte Lautäusserungen zurück, sogenannte „Phee-Rufe“. Mit diesen Rufen identifizieren sie einander und treten zugleich in Kontakt.
Ein solches Benennungssystem ist in jeder Art eine bemerkenswerte Entdeckung, weil nur sehr wenige Wildtiere nachweislich über etwas Vergleichbares verfügen. Besonders spannend ist der Befund jedoch bei einem anderen Primaten: Bislang galten wir als der einzige Primat, der Artgenossen über Namen identifiziert.
Auffällig ist ausserdem, dass diese Fähigkeit nun bei eher entfernt verwandten Affen gefunden wurde – und nicht bei näher mit uns verwandten Arten wie Menschenaffen.
So wurde das Benennungssystem nachgewiesen
Um den Kommunikationsmustern der Weißbüschelaffen auf die Spur zu kommen, zeichneten die Forschenden natürliche „Gespräche“ zwischen jeweils zwei Primaten auf: Die Tiere konnten sich dabei nicht sehen, einander aber hören. Zusätzlich wurden Interaktionen zwischen einem Weißbüschelaffen und einem Computer untersucht.
Im Mittelpunkt standen „Phee-Rufe“ – ein bereits bekannter Typ von Kontaktlaut, bei dem das Forschungsteam vermutete, dass er neben der Kontaktaufnahme noch weitere, bislang unentdeckte Funktionen erfüllen könnte.
Denn Weißbüschelaffen führen, wie die Forschenden anmerken, mit Phee-Rufen regelrechte Wechselgespräche, bei denen sie sich abwechseln. Ausserdem sollen diese Rufe Informationen über das Individuum enthalten können, das sie erzeugt.
Aufgrund der charakteristischen Merkmale und der Flexibilität der Phee-Rufe stellten die Forschenden die Hypothese auf, dass Weißbüschelaffen in natürlichen Phee-Ruf-Dialogen solche Laute nutzen könnten, um einander zu „etikettieren“ – als Teil eines umfassenderen Namenssystems, in dem die „Bezeichnungen“ möglicherweise innerhalb des Trupps sozial erlernt werden.
Geleitet von David Omer, Assistenzprofessor am Safra Center for Brain Sciences der Hebräischen Universität Jerusalem, fand das Team Hinweise darauf, dass Weißbüschelaffen tatsächlich unverwechselbare Phee-Rufe verwenden, um sich gegenseitig stimmlich zu benennen.
Zudem zeigte die Studie, dass die Affen Phee-Rufe, die an sie gerichtet waren, zuverlässig erkannten und passend darauf reagierten.
„Diese Entdeckung unterstreicht die Komplexität der sozialen Kommunikation bei Weißbüschelaffen“, sagt Omer. „Diese Rufe dienen nicht nur der Selbstlokalisierung, wie bisher angenommen – Weißbüschelaffen nutzen diese spezifischen Rufe, um bestimmte Individuen zu benennen und direkt anzusprechen.“
Wie die Studie weiter berichtet, setzen die Truppmitglieder für jedes einzelne Individuum spezifische stimmliche „Etiketten“ ein. Dabei verwenden sie wiederkehrend bestimmte Klangmerkmale, um konkrete „Namen“ zu kodieren. Das erinnert an Elemente menschlicher Sprache – etwa daran, dass stimmliche Markierungen als Namen dienen können, und an die Existenz lokaler Dialekte.
Wahrscheinlich, so berichten die Forschenden, wird der Name jedes Tieres im Trupp durch soziales Lernen zum Allgemeinwissen. Das geschieht demnach nicht nur unter jungen oder eng verwandten Affen.
Die Untersuchung zeigte vielmehr, dass auch nicht verwandte erwachsene Weißbüschelaffen auf diese Weise Namen und Details der Aussprache voneinander übernehmen können. Das deutet darauf hin, dass sie in freier Wildbahn sowohl Namen als auch Dialekte von anderen Truppmitgliedern lernen.
Vorteil im dichten Regenwald und mögliche Parallelen zur Sprache
Weißbüschelaffen leben in den dichten Baumkronen von Regenwäldern, die sich über weite Teile Südamerikas erstrecken. In dieser Umgebung könnte es, wie die Forschenden anmerken, einen Anpassungsvorteil bieten, jedes Truppmitglied stimmlich eindeutig zu „labeln“.
Denn in dem gedrängten Blätterdach ist die Sicht oft stark eingeschränkt. Wenn die Affen jedoch stimmliche Etiketten als Namen nutzen, könnten sie soziale Bindungen und den Zusammenhalt der Gruppe besser aufrechterhalten – selbst dann, wenn sie über längere Zeit ausser Sichtweite voneinander sind.
Das könnte sogar einen Hinweis darauf liefern, wie sich soziale Kommunikation und Sprache bei einigen unserer vormenschlichen Vorfahren entwickelten.
„Weißbüschelaffen leben in kleinen monogamen Familiengruppen und kümmern sich gemeinsam um ihren Nachwuchs, ähnlich wie Menschen“, sagt Omer. „Diese Ähnlichkeiten deuten darauf hin, dass sie vergleichbare evolutionäre soziale Herausforderungen hatten wie unsere frühen vor-sprachlichen Vorfahren, was dazu geführt haben könnte, dass sie ähnliche Kommunikationsmethoden entwickelten.“
Die Studie wurde in Science veröffentlicht.
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