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Neue INRAE-Studie: Menschliche Angst über Geruch beeinflusst Pferde

Tierärztin untersucht vorbeugend ein braunes Pferd in einem Stall, hält Klemmbrett und Tupfer in der Hand.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Tiere spüren können, wie es Menschen geht – selbst wenn kein Wort fällt und keine Geste etwas verrät? Viele Halterinnen und Halter sind überzeugt, dass ihre Tiere Emotionen in kürzester Zeit aufnehmen.

Neue Forschungsergebnisse von INRAE deuten darauf hin, dass dafür allein der Geruch ausreichen kann: Laut der Studie lassen sich Emotionen über Duftstoffe von Menschen auf Tiere übertragen. Besonders deutlich zeigte sich, wie menschliche Angst über Geruch weitergegeben wird und das Verhalten von Tieren spürbar beeinflusst.

Geruch steuert die Kommunikation von Tieren

Tiere nutzen den Geruchssinn intensiv, um ihre Umwelt einzuordnen. Unter den Sinnen spielt der Geruch in der Kommunikation von Tieren eine besonders grosse Rolle.

Bisher haben Forschende diesen Sinn vor allem im Zusammenhang mit Paarung oder der Verständigung innerhalb derselben Art untersucht. Deutlich weniger im Fokus stand dagegen, wie Geruch zwischen verschiedenen Arten wirkt.

Ethologinnen und Ethologen aus mehreren Organisationen wollten diese Lücke schliessen. Das Team konzentrierte sich auf die Beziehung zwischen Menschen und Pferden.

Pferde leben eng mit Menschen zusammen und reagieren im Alltag bei Pflege und Training häufig auf menschliche Gefühlslagen.

Daraus ergab sich die zentrale Frage: Können Pferde menschliche Emotionen ausschliesslich über den Geruch wahrnehmen? Um das zu prüfen, konzipierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein kontrolliertes Experiment, das gezielt menschliche Angst und Freude gegenüberstellte.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sammelten Angstschweiss

Für die Untersuchung arbeiteten die Forschenden mit 30 freiwilligen Personen. Jede Person sah ein 20-minütiges Video, das starke Emotionen auslösen sollte: Einige Clips zeigten angstauslösende Szenen, andere freudige Momente.

Während des Abspielens wurden Wattepads unter den Achseln der Teilnehmenden platziert. Menschlicher Schweiss enthält chemische Signale, die mit Emotionen verknüpft sein können.

Die Pads nahmen so Geruchsstoffe auf, die entweder mit Angst oder mit Freude verbunden waren. Zusätzlich stellte das Team Pads ohne menschlichen Geruch her. Diese dienten als Kontrollbedingung.

Anschliessend wurden die Pads 43 Pferden präsentiert. Jedes Pferd kam dabei in genau eine von drei Bedingungen: Eine Gruppe erhielt den Angstgeruch, eine zweite den Freudegeruch, und die dritte Gruppe roch gar keinen menschlichen Geruch.

Danach beobachteten die Forschenden, wie die einzelnen Pferde in verschiedenen Situationen reagierten. Durch dieses Design liessen sich die emotionalen Reaktionen zwischen den Bedingungen klar gegenüberstellen.

Testen der Reaktionen von Pferden

Die Reaktionen der Pferde wurden in vier Situationen geprüft. Zwei Tests zielten auf die Interaktion mit Menschen ab.

In einem Durchgang wurde das Pferd von einer Versuchsleitung geputzt. In einem weiteren stand die Versuchsleitung in einem markierten Bereich, um zu prüfen, ob das Pferd von sich aus näherkam.

Zwei weitere Tests sollten Furchtreaktionen auslösen. In einem Szenario öffnete die Versuchsleitung plötzlich einen Regenschirm in der Nähe des Pferdes. Im zweiten legte das Team einen unbekannten Gegenstand in die Nähe.

Während aller Tests erfassten die Forschenden das Verhalten detailliert. Zusätzlich wurden Herzfrequenz und Cortisolwerte im Speichel gemessen. Cortisol wirkt als Stresshormon; erhöhte Werte deuten häufig auf Angst oder Anspannung hin.

Die Kombination aus beobachtbarem Verhalten und körperlichen Messwerten half, sowohl offensichtliche Reaktionen als auch verdeckten Stress zu erkennen.

Menschliche Angst verändert das Verhalten von Pferden

Pferde, die dem Geruch menschlicher Angst ausgesetzt waren, reagierten deutlich intensiver. In mehreren Tests nahmen furchtbezogene Verhaltensweisen zu.

Beim plötzlichen Regenschirm zeigten diese Tiere stärkere Schreckreaktionen. Zudem fixierten viele Pferde den unbekannten Gegenstand über längere Zeit.

Auch die Herzfrequenz stieg an, was auf Stress oder Angst hindeutet. Ausserdem mieden die Pferde eher die Nähe: Beim Putzen kam es zu weniger Körperkontakt, und die Tiere näherten sich einer Person seltener.

Pferde, die den Geruch menschlicher Freude rochen, zeigten dieses Muster nicht. Auch die Kontrollgruppe blieb insgesamt ruhiger. Das spricht dafür, dass die beobachteten Effekte spezifisch mit dem Angstgeruch zusammenhängen und nicht einfach durch irgendeinen Geruch ausgelöst werden.

Emotionale Ansteckung über Artgrenzen hinweg

Die Ergebnisse lassen sich nicht auf eine blosse Reaktion auf einen unangenehmen Geruch reduzieren. Stattdessen deuten sie auf emotionale Ansteckung hin: Dabei übernimmt ein Individuum den emotionalen Zustand eines anderen.

In diesem Fall schienen Pferde menschliche Angst zu übernehmen. Chemische Signale im Schweiss transportierten demnach emotionale Informationen über Artgrenzen hinweg. Ein solcher Effekt war bereits bei Hunden bekannt, doch diese Studie liefert erstmals klare Hinweise darauf bei Pferden.

Die Domestikation könnte dabei eine Rolle spielen. Die lange gemeinsame Geschichte von Menschen und Pferden könnte die Sensibilität für Emotionen verstärkt haben. Der Geruchssinn wirkt dabei wie eine stille, aber wirksame Brücke zwischen den Arten.

„Es gibt eine chemische Kommunikation von Emotionen, und sie überschreitet die Artgrenze“, sagte Léa Lansade, Forschungsdirektorin bei INRAE und Mitautorin der Studie.

„Diese neue Studie von INRAE und IFCE, veröffentlicht in PLOS One, zeigt, dass Pferde, wenn sie den Gerüchen von Menschen ausgesetzt sind, die Angst empfinden, ihrerseits Angstreaktionen über einen Mechanismus emotionaler Ansteckung zeigen.“

Die Untersuchung eröffnet neue Wege, Emotionen bei Tieren besser zu verstehen. Zugleich macht sie deutlich, dass menschliche Gefühlszustände das Verhalten von Tieren möglicherweise stärker beeinflussen als bisher angenommen.

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