In der Nähe von Pompeji kehrt Farbe in eine verschüttete römische Villa zurück: Wandmalereien, die fast zwei Jahrtausende lang unter Vulkanasche versiegelt waren, werden wieder sichtbar.
Diese Wiederentdeckung ist heute besonders bedeutsam, weil mit der Freilegung ein heikler Countdown beginnt: Sobald Licht und Luft an die Oberfläche gelangen, geraten die bislang geschützten Kunstwerke in eine fragile Phase.
Ein Saal taucht in Oplontis wieder auf
In der Küstenresidenz, die heute als Villa di Poppea bekannt ist, fördert die laufende Arbeit Pfauenmotive, Fragmente einer theatralen Ausstattung sowie mehrere bislang unbekannte Räume erneut in den wissenschaftlichen Blick.
Neue Öffnungen im Westflügel brachten Pfauenmalereien in einem Raum ans Licht, der inzwischen den Spitznamen „Pfauenhalle“ trägt.
Teams des Archäologischen Parks von Pompeji graben zunächst zur Sicherung der Statik und stützen anschließend die Wände ab, damit sich die Malschichten nicht ablösen.
Geleitet wird das Vorhaben von Dr. Gabriel Zuchtriegel, der sich damit befasst, wie sich archäologische Forschung und Erhaltung sinnvoll verzahnen lassen.
Jede neu freigelegte Putzfläche muss rasch gereinigt und stabilisiert werden, denn feuchte Luft kann Pigmente angreifen, sobald wieder Sonnenlicht in die Räume fällt.
Pompejanischer Luxus für die Elite
Oberhalb der antiken Küstenlinie von Pompeji gelegen, diente die Anlage schon lange vor der Verschüttung durch den Vesuv als Bühne für Reichtum und Prestige.
Die Villa, die heute als Oplontis bezeichnet wird, wuchs von einem Kern aus der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. aus zu einem Komplex mit zahlreichen Flügeln und Gärten.
Spuren auf Transportamphoren deuten auf Verbindungen zu Poppaea Sabina, der zweiten Ehefrau Neros, doch ein eindeutiger Besitznachweis bleibt schwierig.
Gerade diese Unsicherheit lenkt den Blick auf die Kunst selbst: Auch ohne „Namensschild“ dokumentieren die Bilder Geschmack und gesellschaftlichen Rang.
Farbe im Putz eingeschlossen
Römische Maler arbeiteten häufig in Freskotechnik, also mit Farbe, die auf frischen, noch feuchten Putz aufgetragen wurde, um Räume mit auffälligen Szenen und Mustern zu überziehen.
Während der Putz trocknet, binden mineralische Bestandteile die Pigmentteilchen – die Farbe wird damit faktisch Teil der Wandoberfläche.
Als der Vesuv Oplontis im Jahr 79 n. Chr. unter sich begrub, hielt die Asche Sonnenlicht, Regen und die meisten Menschen von den Räumen fern.
Mit der Freilegung kehrt sich dieser Schutz um: Moderne Teams müssen den Wunsch nach Zugang für die Öffentlichkeit gegen die langsame, aber unvermeidliche Chemie des Zerfalls abwägen.
Eine Bühnenmaske hat überlebt
Unter den neuen Bruchstücken sicherten Restauratorinnen und Restauratoren eine Theatermaske, die dem Typus des alten Mannes aus der römischen Bühnenkomödie entspricht.
In der Fabula Atellana, einer römischen Farce mit maskierten Rollenfiguren, steht die Figur des Pappus für törichte Altersschwäche.
Mit der Maske platzierten Gestalter Humor auf der Wand und verbanden Unterhaltung mit Dekor in einem ruhigen Landaufenthalt.
Da nur Teile erhalten sind, bewerten Archäologinnen und Archäologen die Zuordnung als sorgfältig begründete Übereinstimmung – nicht als unumstößliche Gewissheit.
Neue Räume erweitern den Plan
Jüngere Grabungen legten außerdem vier weitere Räume frei, wodurch die bekannte Gesamtzahl in der Villa von 99 auf 103 anstieg.
Die Forschenden verfolgen Wandverläufe und Türöffnungen, dokumentieren zugleich die Schutt- und Ablagerungsschichten und trennen so antike Nutzungsphasen von späteren Schäden.
Einer der neu entdeckten Bereiche besitzt ein gerundetes Ende – eine Form, die in römischen Bauten häufig auf Bäder oder repräsentative Nischen hindeutet.
Mit der Kartierung verändert sich, wie Fachleute Wege und Abläufe in der Anlage interpretieren, einschließlich der Frage, wo sich Dienstpersonal und Gäste begegnet sein könnten.
Gärten in Asche nachgezeichnet
Im Gartenbereich stießen die Teams auf „Baum-Fußabdrücke“, die erhalten blieben, weil Wurzeln verrotteten und klare Hohlformen hinterließen.
Um diese Formen zu sichern, können Arbeiterinnen und Arbeiter Gipsabgüsse herstellen: Dazu wird flüssiger Gips in die in der Asche verbliebenen Hohlräume gegossen, damit die Konturen nicht in sich zusammenfallen.
In Oplontis ordnen sich die Abdrücke in einem strengen Raster, das zum säulengesäumten Südportikus der Villa passt.
„Diese ersten Ergebnisse bieten neue und vielversprechende Forschungsperspektiven für unser Verständnis des Plans der Villa und für die Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen menschlicher Besiedlung und der natürlichen Umwelt auf lange Sicht“, sagte Zuchtriegel.
Zwei Räume werden restauriert
An anderer Stelle in der Villa setzen Restauratorinnen und Restauratoren zwei kleine, private Räume instand, deren Decken und Böden deutliche Abnutzungsspuren der Zeit tragen.
In einem der Zimmer nutzten Maler Trompe-l’œil, also eine malerische Täuschung, die flache Wände mit imitieren Marmorplatten räumlich wirken lässt.
Der zweite Raum blieb in der Gestaltung schlichter; dort fanden die Teams Dekor, der mitten in der Arbeit endete, als der Ausbruch das Leben abrupt unterbrach.
Bei der Restaurierung werden Oberflächen gereinigt, Risse geschlossen und Farbtöne nur behutsam angeglichen – denn Übermalungen können Hinweise auf antike Entscheidungen auslöschen.
Ein Blau, das durch Hitze entsteht
Farbschichten in Pompeji überdauern häufig, weil Minerale stabil bleiben und einige Töne selbst nach Jahrhunderten nur wenig verblassen.
Untersuchungen zu Ägyptisch Blau, einem kupferbasierten Pigment, das durch Erhitzen von Mineralien hergestellt wurde, zeigen Kristalle, die ihre Farbwirkung langfristig bewahren.
Wenn Restauratorinnen und Restauratoren dieses Blau nur in feinen Spuren erkennen, können sie ursprüngliche Muster nachzeichnen und Reinigungsmaßnahmen so wählen, dass die Substanz erhalten bleibt.
Die gleiche Chemie, die das Pigment widerstandsfähig macht, sorgt jedoch auch für Empfindlichkeit gegenüber aggressiven Lösungsmitteln – daher gelten weiterhin besonders schonende Methoden als Maßstab.
Wenn der Kontext gestohlen wird
Ermittlerinnen und Ermittler ordneten zudem ein gestohlenes Freskofragment mit dem Säugling Herkules wieder seiner Wand in der Villa Civita Giuliana zu.
Behörden verknüpften das Stück, indem sie die gebogene Bruchkante mit einem bogenförmigen Bildfeld abglichen, aus dem Plünderer Putz herausgerissen hatten.
Die Rückführung brachte das Gemälde 2023 nach Italien zurück, doch die Jahre in einer privaten Sammlung ließen Belege zum Umfeld verschwinden.
Zwar lassen sich Pigmente und Stil untersuchen, doch gestohlene Objekte gewinnen die vollständige Geschichte des umgebenden Raums nur selten zurück.
Zusammengenommen zeigen die Pfauenhalle, die Gartenabgüsse und die restaurierten Zimmer, wie Römerinnen und Römer Komfort und Repräsentation entwarfen.
Die laufenden Konservierungsarbeiten werden darüber entscheiden, wie viel der Malerei öffentlich gezeigt werden kann – denn jede Freilegung verändert die empfindlichen Wände weiter.
Die Informationen für diesen Beitrag wurden der Online-Publikation Archäologie-Nachrichten entnommen.
Bildnachweis: Archäologischer Park von Pompeji.
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