In Afrika ist eine Kremation eines Erwachsenen als bislang frühester Nachweis dieser Bestattungsform identifiziert worden – einschließlich eines nahezu ungestörten Scheiterhaufens, der vor rund 9.500 Jahren errichtet wurde.
Der Fund verändert das bisherige Bild davon, wie frühe Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften mit dem Tod umgingen und wie sie dafür gemeinschaftliche Arbeit organisierten.
Kremationsfeuer unter dem Mount Hora
Im Mittelpunkt steht ein Felsunterstand im Norden Malawis, in dem Forschende die absichtlich verbrannten Überreste eines erwachsenen Menschen freilegten. Die Bestattung wird auf etwa 9.500 Jahre vor heute datiert.
Am Fuss des Mount Hora liegt unter einem Felsvorsprung eine breite Zone aus Asche und zerbrochenen Knochen. Archäologinnen und Archäologen bezeichnen den Unterstand als Hora 1 – eine schlichte Arbeitsbezeichnung für genau den Fundplatz, an dem die Überreste entdeckt wurden.
An der University of Oklahoma (OU) untersucht ein Team, wie Feuer und verschiedene Formen der Bestattungsbehandlung beeinflussen, was im Boden langfristig erhalten bleibt.
Geleitet wurde die Untersuchung von Dr. Jessica I. Cerezo-Román, einer Anthropologin an der OU, deren Forschung Bestattungsrituale in Ostafrika nachzeichnet.
Die sorgfältige Ausgrabung ergab, dass die Aschestruktur zu genau einer erwachsenen Person gehört; zugleich fehlen im umgebenden Sediment Hinweise, die zu einem Brand eines Wohnplatzes passen würden.
Datierung von Kremationsasche und Knochen
Zahlreiche Proben aus der veröffentlichten Studie verorten die Hauptphase des Verbrennens zwischen 9540 und 9454 Jahren vor heute. Damit ist die Kremation von Hora 1 das früheste gesicherte Beispiel in Afrika.
Das OU-Team setzte Radiokohlenstoffdatierung ein – ein Verfahren, das den Zerfall von Kohlenstoff-14 misst – und untersuchte dafür Holzkohle sowie Schalenreste, die in den Ascheschichten eingeschlossen waren.
Unterhalb der eigentlichen Kremationsstelle liegen ältere, getrennte Aschelagen; darüber befindet sich ein jüngerer Brandhorizont, der innerhalb der folgenden Jahrhunderte entstanden ist.
Weil die datierten Schichten stratigrafisch sauber in der erwarteten Reihenfolge übereinanderliegen, argumentiert die Forschungsgruppe, dass das Feuer in situ brannte – also direkt an Ort und Stelle – und die Asche nicht erst später dorthin verbracht wurde.
Hinweise auf ein geplantes Verbrennen
Die Kremation liegt in einem Scheiterhaufen, also einem aufgebauten Brennmaterialstapel, der sich über etwa 2,4 × 1,5 Meter erstreckt.
Um ein Feuer im Freien über längere Zeit aufrechtzuerhalten, mussten die Menschen vermutlich mindestens 30 Kilogramm Holz und Gras gleichzeitig heranschaffen – ein Aufwand, der keineswegs trivial ist.
Mikroskopische Analysen dünner Sedimentschnitte zeigen dicht gepackte Lagen aus Holzasche. Das spricht dafür, dass Anwesende das Feuer wiederholt neu entfachten und kontinuierlich nachlegten.
Dieses Muster deutet auf Vorbereitung und Zusammenarbeit hin, begrenzt aber auch, wie eindeutig sich die gesamte Zeremonie auf einen einzigen, klar umrissenen Zeitpunkt festlegen lässt.
Was die Knochen erkennen lassen
Aus der Asche barg das Team rund 170 menschliche Knochenfragmente; der Grossteil stammt von Armen und Beinen – Körperregionen, die beim Verbrennen früh brechen und zerfallen.
Mithilfe taphonomischer Auswertung, also der Analyse von Veränderungen nach dem Tod, schliessen die Forschenden, dass die Reste zu einem einzelnen, eher kleinen Erwachsenen gehören, wahrscheinlich weiblich.
Die Person war vermutlich knapp 1,5 Meter gross. Zudem beträgt das geborgene Knochengewicht etwa 0,6 Kilogramm – deutlich weniger als die erwarteten mehr als 1,5 Kilogramm.
Im zentralen Depot fehlen Zähne vollständig, und Schädelstücke sind fast nicht vorhanden. Diese Lücke wird als starkes Indiz gewertet, dass sie gezielt entnommen wurden.
Kremationshitze veränderte den Knochen
Die Knochenfarben reichen im Befund von Schwarz über Grau bis hin zu Weiss. Dieses Spektrum passt zu unterschiedlich intensiver Hitzeeinwirkung, abhängig von Körperpartien und Brennstoffzonen.
Eine klassische Studie zeigt, dass Knochen mit zunehmender Erhitzung heller werden, weil Wasser entweicht und Kollagen verbrennt.
In Hora 1 sind einige Fragmente zudem kalziniert, also so stark verbrannt, dass sie kreidig weiss erscheinen. Das deutet darauf hin, dass in Teilen des Feuers Temperaturen von über 500 °C erreicht wurden.
Solche Hitze kann ein Skelett rasch in kleine Stücke zerlegen – was erklärt, warum vor allem Kleinstfragmente vorliegen und weshalb manche Oberflächen nur schwer auszuwerten sind.
Werkzeuge, Schnittspuren und Entscheidungen
Ein aktueller Zeitungsbericht hebt hervor, dass Schnittspuren zunächst schockierend wirken können, bis man sie mit bekannten Bestattungspraktiken vergleicht.
Feine, mikroskopische Rillen auf mehreren Knochen passen zu perimortalen Schnitten, die um den Todeszeitpunkt herum entstanden. Den Interpretationen zufolge wurden Gelenke getrennt und Weichteile entfernt.
„Es gibt keine Hinweise darauf, dass sie irgendeine Form von Gewaltakt oder Kannibalismus an den Überresten begangen haben“, sagte Cerezo-Román.
Trotz dieser Spuren bleibt die genaue Abfolge der Handlungen teilweise offen, weil Feuer Hinweise im Weichgewebe sehr schnell zerstört.
Ein Ort, zu dem Menschen zurückkehrten
Nach der Kremation entzündeten spätere Besuchende neue Feuer direkt über derselben Stelle und lagerten damit frische Asche über älteren Ablagerungen ab.
Der Unterstand liegt neben einem steilen Granithügel, der im Tal deutlich hervorsticht – ein Merkmal, das das Wiederauffinden erleichtert.
Die Schichtenfolge in Hora 1 zeigt, dass der Platz bereits über Tausende Jahre vor dem Scheiterhaufen als Begräbnisort genutzt wurde.
Durch die wiederholten Besuche wurde aus dem einfachen Felsvorsprung ein dauerhafter Bezugspunkt; warum diese Bindung bestand, lässt sich jedoch nicht mehr zuverlässig rekonstruieren.
Wie selten ist Kremation
Ein nationales Museum beschreibt eine deutlich ältere Kremation in Australien, datiert auf 40.000 Jahre vor heute.
Der früheste bekannte in situ-Scheiterhaufen stammt aus Alaska, wo ein Kind vor etwa 11.500 Jahren kremiert wurde.
In Afrika tauchen gesicherte Kremationen erst viel später bei pastoralen Gruppen auf, und vollständig erhaltene Scheiterhaufen bleiben auch dort selten.
Gerade weil intakte Scheiterhaufen weltweit nur in geringer Zahl belegt sind, gilt der Fund aus Malawi als ältestes erwachsenes Beispiel und liefert ungewöhnlich detaillierte Hinweise zum Umgang mit dem Körper.
Was rituelle Arbeit nahelegt
Eine Kremation unter freiem Himmel verlangt ständiges Nachlegen und Kontrollieren, da Wind und ungleichmässig verteiltes Brennmaterial einzelne Bereiche abkühlen und die vollständige Verbrennung verzögern.
Hohe Temperaturen aufrechtzuerhalten bedeutet für die Anwesenden dichten Rauch und starke Hitze – und bindet die Gruppe über Stunden eng an den Körper.
In Hora 1 sprechen Hinweise darauf, dass Knochen bewegt und Werkzeuge eingesetzt wurden, für aktive Entscheidungen statt für ein Feuer, das man einfach brennen liess.
Eine solche Koordination deutet auf Rollenverteilungen und gemeinsam geteilte Regeln hin, auch wenn sich die Worte, die diese Handlungen begleitet haben könnten, archäologisch nicht zurückgewinnen lassen.
Was sich dadurch heute verändert
Zusammengenommen zeigen Datierungen, Ascheschichten, Hitzeschäden am Knochen und Schnittspuren, dass eine Gemeinschaft Feuer als bewusst geplanten Bestandteil des Trauerns einsetzte.
Künftige Ausgrabungen könnten anderswo ähnliche Spuren zutage fördern; schon dieser Befund mahnt jedoch, frühe Jäger-und-Sammler nicht als sozial „einfach“ zu behandeln.
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