Blauwale sind die grössten Tiere, die je auf der Erde gelebt haben – und doch wurden vor Namibia sowie an der Westküste Südafrikas in mehr als 60 Jahren nur 12 Sichtungen dokumentiert.
Diese Zahl wirkt zunächst beunruhigend. Gleichzeitig macht sie Forschenden Hoffnung: Die meisten dieser Sichtungen stammen aus der Zeit nach 2012. Das könnte darauf hindeuten, dass Blauwale nach Jahrzehnten des kommerziellen Walfangs langsam wieder in die Region zurückkehren.
Seltene Walsichtungen
Für die Untersuchung wurden bestätigte Nachweise aus dem Zeitraum von 1964 bis März 2024 zusammengetragen.
Das Team wertete Sichtungen, Strandungen und veröffentlichte Beobachtungen entlang der Atlantikküste von Namibia und Südafrika aus.
Dabei ergaben sich 12 Sichtungen von Blauwalen, eine Blauwalsstrandung sowie fünf weitere publizierte Nachweise. Zusätzlich wurden 76 Sichtungen von Finnwalen und sechs Finnwalsstrandungen erfasst.
Rund 95 Prozent aller bestätigten Beobachtungen entfielen auf die Zeit nach 2012.
Über viele Jahrzehnte hinweg gab es nahezu keine Funde – danach traten Sichtungen spürbar häufiger auf.
Nährstoffreiche Meeresgebiete ziehen Wale an
Im Mittelpunkt der Studie steht das Benguela-Stromsystem, ein kaltes und besonders nährstoffreiches Meeresgebiet entlang des südwestlichen Afrikas.
Dort steigt Tiefenwasser zur Oberfläche auf und bringt Nährstoffe mit, die ein sehr produktives marines Nahrungsnetz ermöglichen.
Historische Aufzeichnungen aus dem Walfang deuten darauf hin, dass Blauwale und Finnwale dieses Ökosystem früher stark nutzten.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermuten zudem, dass der südöstliche Atlantik sogar als Aufzuchtgebiet gedient haben könnte, in dem Muttertiere ihre Kälber grosszogen.
Sollten die Wale tatsächlich zu früheren Nahrungs- oder Fortpflanzungsgebieten zurückkehren, könnten die Forschenden gerade die ersten Schritte einer Erholung beobachten.
Walfang veränderte die Meere
Zwischen 1913 und 1978 fielen dem kommerziellen Walfang weltweit schätzungsweise 350.000 Blauwale und 725.000 Finnwale zum Opfer.
Die Verluste bei Blauwalen waren verheerend: Antarktische Blauwale erreichen heute nur noch etwa 3 Prozent ihres Bestands von vor der Walfangzeit.
Finnwale erholten sich etwas besser und liegen inzwischen bei über 30 Prozent der historischen Zahlen.
Bei Tieren dieser Grössenordnung verläuft eine Bestandszunahme naturgemäss langsam. Blauwale vermehren sich in grossem zeitlichem Abstand und sind auf riesige, ergiebige Nahrungsgebiete angewiesen.
Selbst unter sehr günstigen Bedingungen schätzen Fachleute das Populationswachstum lediglich auf 5 bis 8 Prozent pro Jahr.
Damit spielt sich Erholung eher über Generationen als über Jahrzehnte ab.
Blauwale und Finnwale kehren saisonal zurück
Die Auswertung zeigte ausserdem deutliche Unterschiede zwischen den beiden Arten.
Blauwale wurden vor allem vom späten Frühling bis in den Herbst hinein beobachtet, was auf eine saisonale Nutzung des Gebietes hinweist. Finnwale tauchten dagegen in jedem Monat des Jahres auf.
Keine der beiden Arten ist in der Region derzeit häufig – dennoch unterstreichen die Nachweise, dass diese Gewässer für sie weiterhin Bedeutung haben.
Ermutigende Hinweise auf Erholung
Studienleiterin Dr. Bridget James arbeitet am Centre for Statistics in Ecology, Environment and Conservation der Universität Kapstadt.
„Unsere Ergebnisse liefern wichtige Hinweise darauf, dass sich diese Giganten der Ozeane langsam von den verheerenden Auswirkungen des kommerziellen Walfangs im 20. Jahrhundert erholen, der sie an den Rand des Aussterbens brachte“, sagte sie.
„Sichtungen bleiben selten, doch sie treten häufiger auf als in früheren Jahrzehnten – und bei dauerhaftem Schutz gibt es Grund zu der Annahme, dass sich diese Erholung fortsetzen kann.“
Zugleich betonte sie, wie gering das bisher verfügbare Wissen über die Anwesenheit der Wale in dieser Region war.
„Historische Walfangdaten deuten darauf hin, dass der südöstliche Atlantik einst ein wichtiges Aufzuchtgebiet sowohl für Blauwale als auch für Finnwale gewesen sein könnte“, sagte Dr. James.
„Doch bis jetzt hatten wir nur sehr wenige zusammengeführte Informationen über ihre jüngere Präsenz in dieser Region.“
Mehr Beobachtung kann die Zahl der Sichtungen beeinflussen
Die Studie verweist auch auf eine wesentliche Einschränkung: Ein Teil der jüngeren Nachweise könnte eher auf intensivere Beobachtung als auf einen starken tatsächlichen Bestandsanstieg zurückgehen.
Heute sind Beobachterinnen und Beobachter für Meeressäuger an Bord von Schiffen im Einsatz, die für Offshore-Seismik zur Suche nach Öl und Gas eingesetzt werden. Vor Jahrzehnten gab es in diesen Gewässern deutlich weniger geschulte Personen, die systematisch Ausschau hielten.
Dadurch ist es schwierig, echtes Populationswachstum klar von einer verbesserten Entdeckung zu trennen.
Moderne Ozeane bedrohen Wale weiterhin
Die Bedrohungen der Gegenwart unterscheiden sich von den Harpunenflotten früherer Zeiten.
In stark befahrenen Schifffahrtsrouten kommt es zu Kollisionen. Fanggeräte können Tiere verheddern und festsetzen. Unterwasserlärm stört die Kommunikation. Und der Klimawandel verändert marine Ökosysteme fortlaufend.
„Während sich die Bestände langsam wieder aufbauen, würden wir erwarten, dass diese Wale beginnen, Teile ihres historischen Verbreitungsgebiets erneut zu besetzen“, erklärte Studienmitautor Dr. Simon Elwen.
„Der Anstieg von Sichtungen und Strandungen passt zu dieser schrittweisen Erholung, wobei auch die verstärkten Offshore-Beobachtungsanstrengungen beitragen könnten.“
„Sie zeigen eine Widerstandsfähigkeit – aber es sollte betont werden, dass beide Arten weiterhin gegenüber modernen menschlichen Belastungen verwundbar sind, und verdeutlichen, dass wir selbst nach mehr als 50 Jahren Erholung seit dem Ende des kommerziellen Walfangs nur 12 Nachweise von Blauwalen vor unserer Küste zusammenstellen konnten!“
Ein fragiler Erholungsprozess
Nach Einschätzung der Forschenden kann besseres Monitoring dabei helfen, verlässlicher zu klären, ob die Bestände tatsächlich steigen.
Als besonders aussichtsreich gilt der Einsatz von Unterwasser-Horchgeräten, die Walrufe über sehr grosse Distanzen erfassen können.
Was sich entlang der Benguela-Küste abzeichnet, ist weder ein einfacher Triumph noch eine reine Tragödie.
Die Wale überstanden eine industrielle Jagd, die sie beinahe von der Erde getilgt hätte.
Nun deuten kleine Signale darauf hin, dass sie Teile ihres früheren Verbreitungsgebiets wieder nutzen könnten. Doch die Erholung bleibt empfindlich, unvollständig und quälend langsam.
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