Ein Baumfrosch, der abends auf dem Geländer der Veranda sitzt, stammt höchstwahrscheinlich nicht aus einem Teich. Viel wahrscheinlicher ist, dass er in einer überfluteten Fahrspur, einer wassergefüllten Reifenspur oder einem Strassengraben geschlüpft ist – in Pfützen, die nur ein paar Wochen Wasser führen und dann wieder verschwinden.
Genau diese Fortpflanzungsstrategie erklärt eines der grössten Rätsel für alle, die im Garten zuhören: In einem Jahr kann ein Froschchor ohrenbetäubend sein, im nächsten wirkt dieselbe Gegend fast stumm.
Fast jedes stehende Gewässer reicht
Baumfrösche brauchen Wasser, das weitgehend stillsteht, frei von Fischen bleibt und lange genug vorhanden ist, damit Kaulquappen ihre Entwicklung abschliessen können. Ein Teich ist dafür nur das bekannteste Beispiel.
Die Behörde für Fischerei und Wildtiere des Bundesstaats Washington beschreibt Laichplätze des Pazifischen Baumfroschs als nahezu jedes stehende oder langsam fliessende Gewässer.
Auf der Liste der Behörde stehen unter anderem Bewässerungsgräben, Strassengräben, überflutete Pfützen, tiefe Reifenspuren und Kinderplanschbecken.
Östliche Arten nutzen dieselbe Palette. Graue Baumfrösche (Dryophytes versicolor) legen ihre Eier in Reifenspuren, temporären Frühjahrsgewässern und sogar in Schwimmbecken ab.
Eichhörnchen-Baumfrösche (Dryophytes squirellus) verlassen höher gelegene Lebensräume und wandern bei einsetzendem Regen in überflutete Strassengräben.
Bestände mit starken Schwankungen
Fliessgewässer eignen sich dagegen kaum. Strömung verteilt die Eier, und Bäche enthalten oft Sonnenbarsche und Elritzen, die aktiv Kaulquappen jagen.
Danach verteilen sich die erwachsenen Tiere wieder. Viele Arten verbringen den Grossteil des Jahres in Bäumen und Sträuchern und erbeuten Insekten an beleuchteten Hauswänden oder Verandalampen – oft weit entfernt von jeglichem Wasser.
Diese Anpassungsfähigkeit hat jedoch ihren Preis: Weil sie auf kleine, kurzlebige Wasserstellen angewiesen sind, können Baumfrosch-Populationen von einem Jahr zum nächsten extrem schwanken.
Stille bedeutet nicht, dass keine Frösche da sind
Feldbiologinnen und -biologen unterscheiden strikt zwischen dem, was eine Erhebung dokumentiert, und dem, was an einem Ort tatsächlich vorkommt. Ein leises Feuchtgebiet liefert in einer Erfassung lediglich eine Nicht-Nachweisung – keine bestätigte Abwesenheit.
Aus genau dieser Differenz ist eine eigene Methode entstanden: die Besetzungsmodellierung.
Dabei werden dieselben Orte mehrfach aufgesucht, um abzuschätzen, wie häufig Beobachtende eine Art übersehen, obwohl sie tatsächlich vorhanden ist.
Diese Korrektur ist wichtiger, als sie klingt. Baumfrösche rufen in engen Zeitfenstern, und ganz alltägliche Einflüsse bringen sie zum Schweigen.
Wind, helles Mondlicht, eine vorbeischwenkende Taschenlampe oder ein Reiher in der Nähe können einen Chor innerhalb von Sekunden abbrechen lassen.
Ein einzelner Besuch zur falschen Nacht kann deshalb eine lebendige Population in eine leere Zeile auf dem Datenblatt verwandeln.
Wetter bestimmt, wann gerufen wird
Baumfrösche sind wechselwarm, ihre Körpertemperatur folgt also der Umgebung von Luft und Wasser. Wärmeres Wasser beschleunigt die Muskulatur, die sie fürs Rufen einsetzen.
Die Schwellenwerte sind dabei deutlich. Manche Arten beginnen zu singen, sobald die Nachttemperaturen etwa 7°C erreichen. Andere bleiben stumm, bis die Nächte an 21°C heranreichen.
Ebenso entscheidend sind Luftfeuchte und Regen. Viele Arten heben sich ihre lautesten Nächte für warmen Regen auf. Ein trockenes, windiges Frühjahr kann daher wie „froschfrei“ klingen, obwohl die Anzahl der Tiere unverändert ist.
Temperatur beeinflusst ausserdem, was Weibchen wahrnehmen: Die Rufgeschwindigkeit transportiert Informationen über die Fortpflanzungsbedingungen.
Für die Männchen ist das Rufen jedoch teuer, denn auch Fressfeinde hören zu.
Ein warmer März, dann Frost
Ein Team der Universität Ottawa hat diese Wetterempfindlichkeit ungewöhnlich detailliert erfasst. Die Forschenden setzten von 2022 bis 2025 automatische Rekorder an Feuchtgebieten ein.
Ein aussergewöhnlich warmer März im Jahr 2024 verlegte die ersten Rufdaten gegenüber 2022 um 11 bis 18 Tage nach vorn. Danach kehrten Frosttemperaturen zurück.
In diesem Jahr sank die Rufwahrscheinlichkeit bei allen vom Team verfolgten Arten – mit Ausnahme des Frühlingsrufers (Pseudacris crucifer).
Beim Borealen Chorfrosch (Pseudacris maculata) fiel der Rufanteil von 69 Prozent in typischen Jahren auf 49 Prozent im Jahr 2024.
Beide Arten gehören zur Baumfrosch-Familie (Hylidae), auch wenn keine von ihnen einen grossen Teil ihres Lebens tatsächlich in Bäumen verbringt.
Wenn das Wasser zu früh verschwindet
Baumfrosch-Kaulquappen brauchen stehendes Wasser, bis die Metamorphose abgeschlossen ist. Trocknet die Stelle vorher aus, stirbt der gesamte Jahrgang.
In der Ökologie heisst die Dauer, wie lange ein Feuchtgebiet Wasser hält, Hydroperiode. Boom-und-Bust-Zyklen bei der Nachwuchsrekrutierung folgen oft genau dieser einen Grösse.
Besonders riskant sind flache Standorte. Ein Graben oder eine Reifenspur kann in einer einzigen heissen Woche verschwinden – lange bevor die Kaulquappen darin bereit sind.
Dürre kann so einen ganzen Jahrgang auslöschen, ohne auch nur ein erwachsenes Tier zu töten. Der Chor klingt im Frühjahr ganz normal und produziert trotzdem keinen Nachwuchs; längere Trockenphasen erhöhen die Wahrscheinlichkeit dafür.
Hier steckt ein echter Zielkonflikt: Temporäre Tümpel trocknen zwar aus, sind aber meist fischfrei – und Fische würden die Kaulquappen fressen. Dauerhafte Teiche sind verlässlicher, wimmeln jedoch von Räubern.
Auch Grundwasserentnahmen verschieben diese Balance, weil sie Hydroperioden verkürzen – besonders in Feuchtgebieten, die nicht allein durch Regen gefüllt werden.
Massensterben ohne sichtbare Spuren
Ranaviren töten Kaulquappen in kurzer Zeit. Hunderte oder Tausende scheinbar gesunder Larven können innerhalb weniger Tage von normalem Verhalten zu über 90 Prozent Verlusten kippen.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Geologischen Dienstes der USA haben Ranavirus-Sterben mit mehr als 25 Bundesstaaten und über 20 Amphibienarten in Verbindung gebracht.
Frösche der Gattung Pseudacris – dazu zählen unter anderem Frühlingsrufer und Chorfrosch-Arten – scheinen besonders anfällig zu sein.
Solche Ausbrüche werden leicht übersehen. Wer im Juli keine Kaulquappen findet, nimmt womöglich an, die Metamorphose sei einfach früh abgeschlossen gewesen, statt ein Massensterben zu vermuten.
Schlechte Jahre bedeuten nicht automatisch eine Katastrophe
Erwachsene Baumfrösche überstehen mehrere schwache Fortpflanzungssaisons. Graue Baumfrösche können in freier Wildbahn zum Beispiel sieben bis neun Jahre alt werden.
Diese Lebenserwartung puffert den Bestand: Ein Gewässer kann zwei oder drei Jahre lang keine Jungfrösche hervorbringen und dennoch von rufenden Erwachsenen „voll“ sein – weil diese Tiere in früheren Jahren geschlüpft sind.
Eine wegweisende Studie aus dem Jahr 1991 zeigte das deutlich. Forschende erfassten von 1979 bis 1990 an einem Laichteich in South Carolina vier Amphibienarten.
Dabei dokumentierten sie starke Ausschläge sowohl bei der Zahl der Laichtiere als auch bei der Nachwuchsrekrutierung.
Für die Rekrutierungsausfälle war Dürre verantwortlich. Drei der vier Arten zeigten über den gesamten Zeitraum keinen generellen Trend, und die vierte nahm zu.
Hinweise darauf, dass Baumfrösche in der Nähe sind
Baumfrösche verraten sich auf drei Arten – und die meisten Menschen bemerken zuerst den Klang. Ein Chor nach warmem Regen klärt die Frage schneller als jede Suchaktion.
Das zweite Zeichen findet man an Glasscheiben. Die Zehenpolster von Baumfröschen bestehen aus winzigen, säulenartigen Zellen, deren Spitzen Schleim tragen; so haften sie an fast jeder Oberfläche.
Darum sitzen sie nachts oft flach an einem beleuchteten Fenster und jagen die Insekten, die das Licht anzieht.
Diese Polster helfen auch bei der Unterscheidung von Doppelgängern. Grillenfrösche gehören zwar zur selben Familie, haben aber keine grossen Haftpolster. Kröten besitzen weder solche Polster noch die Klettergewohnheit.
Der dritte Hinweis erfordert Suchen am Tag. Häufig gegossene Topfpflanzen werden zu verlässlichen Verstecken – genauso wie jede feuchte, schattige Stelle in Hausnähe.
Am wenigsten hilft die Färbung. Graue Baumfrösche können zwischen Grün, Grau und Braun wechseln, und Graue Baumfrösche und Copes Graue Baumfrösche sehen gleich aus.
Unterscheiden lassen sie sich nur am Ruf, denn das Trillern von Cope ist schneller und höher.
Kleine Änderungen bringen am meisten
Die wirksamste einzelne Massnahme kostet gar nichts: Nicht mehr sprühen.
Amphibieneier haben keine schützende Schale. Sie nehmen Feuchtigkeit direkt aus dem umgebenden Wasser auf – und damit auch alles, was darin gelöst ist.
Auch Rasenchemikalien werden nach Regen abgeschwemmt und erreichen Feuchtgebiete weit über die Grundstücksgrenze hinaus.
Die Haut erwachsener Tiere funktioniert ähnlich. Insektenschutzmittel mit DEET sind für Amphibien besonders tödlich. Wer versucht ist, ein Tier aufzuheben, sollte saubere Hände haben – oder besser ganz darauf verzichten.
Hilfreich sind ausserdem heimische Pflanzen. Sie tragen deutlich mehr Insekten als nicht-heimische Zierpflanzen – und Insekten sind die Nahrung der Baumfrösche.
Deckung ist ebenso wichtig wie Futter. Laubstreu, Reisighaufen, dichte Bepflanzung und ungemähte Randstreifen in Wassernähe geben Fröschen Orte, um den Tag zu überstehen.
Baumfrösche schützen
Der Nationale Parkdienst der USA rät zusätzlich dazu, Haustiere von Amphibien fernzuhalten und Schwimmbecken abzudecken, wenn sie nicht genutzt werden.
Dieser Punkt ist wichtiger, als er wirkt: Graue Baumfrösche legen ihre Eier in einem Pool ab, doch chloriertes Wasser tötet die Kaulquappen – ein scheinbar attraktiver Ort wird so zur Sackgasse.
Eine Regel übertrifft alle anderen: Niemals Frösche oder Kaulquappen zwischen Standorten umsetzen und das eigene Grundstück nicht mit Tieren aus einer Zoohandlung „besetzen“.
Beides kann Krankheiten in Gebiete bringen, in denen sie zuvor nicht vorkamen.
Aufmerksamer zuhören
Ein einziger Abend sagt Beobachtenden fast nichts. Eine Saison mit wiederholten Besuchen dagegen sehr viel.
FroschWatch USA schult Freiwillige darin, Frösche anhand ihrer Rufe zu bestimmen, und über die Brutsaison von Februar bis August ein einzelnes Feuchtgebiet zu beobachten.
Zoos und Naturzentren betreuen die lokalen Gruppen, und der nationale Datensatz reicht bis 1998 zurück.
Das Protokoll verlangt wiederholte Besuche am selben Ort, im gleichen Zuhörfenster nach Einbruch der Dunkelheit – ausdrücklich auch an stillen Nächten. Gerade diese „leeren“ Einträge zählen, weil Besetzungsmodelle darauf angewiesen sind.
„Diese Daten werden erfasst und in eine nationale Datenbank eingereicht“, sagte Morgan Duerksen-Balk, Koordinatorin eines FroschWatch-Kapitels in East Central Illinois.
Beständigkeit ist wichtiger als Aufwand. Die Erklärung für einen verschwindenden Chor zeigt sich erst, wenn dieselben Ohren Jahr für Jahr an dasselbe Gewässer zurückkehren.
Die vollständige Studie zur Ruf-Phänologie ist in der Fachzeitschrift „Integrative Zoologie“ erschienen.
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