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Grossbritannien: Biodiversität hat ein Zeitfenster von 20 Jahren

Junger Mann kniet am Meer mit Karte, Kompass und Notizbuch in rauer Küstenlandschaft bei Sonnenlicht.

Grossbritannien hat sich für den Naturschutz ehrgeizige Vorgaben gesetzt: Der Rückgang der Arten soll bis 2030 gestoppt und das Aussterberisiko bis 2042 gesenkt werden.

Beide Ziele basieren auf der Annahme, dass noch genügend Zeit bleibt – und dass politische und gesellschaftliche Entscheidungen in den nächsten Jahrzehnten die bereits laufenden Schäden noch umkehren können.

Eine Untersuchung, die mehr als 1,200 heimische Pflanzen, Vögel und Schmetterlinge erfasst, kommt jedoch zu einer anderen Einschätzung: Das entscheidende Zeitfenster liegt nicht in der Zukunft, sondern hat bereits begonnen – und es schliesst sich in etwa 20 Jahren.

Eine landesweite Prognose

Dr. Rob Cooke, leitender Ökologe am UK-Zentrum für Ökologie und Hydrologie (UKCEH), führte ein Team an, das modellierte, wie sich die Biodiversität in Grossbritannien unter fortschreitender Klimaerwärmung entwickeln könnte.

Analysiert wurden 1,002 Pflanzenarten, 56 Schmetterlinge und 219 Brutvogelarten. Die Forschenden rechneten sechs unterschiedliche Zukunftsbilder bis 2080 durch; jedes Szenario verknüpfte einen Emissionspfad mit einer gesellschaftlichen Entwicklung.

Die Spannbreite reichte von starken Emissionssenkungen kombiniert mit nachhaltiger Landnutzung bis hin zu ungebremster Nutzung fossiler Energieträger zusammen mit einer intensiven Ausweitung der Landwirtschaft.

Statt jede Art einzeln zu betrachten, verfolgte das Team, wie sich die gesamte Artengemeinschaft an einem Ort verschiebt. So werden auch seltene Arten besser erfasst, die in Einzelarten-Modellen häufig untergehen.

Pflanzen trifft es am stärksten

In sämtlichen Szenarien sind Pflanzen am stärksten betroffen. Im ungünstigsten Zukunftsbild hätte bis 2070 etwa die Hälfte der Pflanzengesellschaften in Grossbritannien eine andere Zusammensetzung als heute.

Rund 196 Pflanzenarten – also etwa jede fünfte heimische Art – würden dann auf einen Kurs Richtung Aussterben zusteuern. Das wäre mehr als das Dreifache der Verluste, die Grossbritannien seit 1500 verzeichnet hat.

Betroffen sind darunter stark spezialisierte Arten wie das Brand-Knabenkraut, das Sumpf-Herzblatt und der Alpen-Enzian. Doch selbst im günstigsten Szenario bleibt die Lage angespannt.

Auch entlang des nachhaltigsten Pfades verbleiben ungefähr 134 Arten auf derselben negativen Entwicklungslinie. Schäden aus früheren Klima- und Landnutzungsänderungen wirken fort – unabhängig davon, was künftig unternommen wird.

Widerstandsfähigere Arten mit Flügeln

Vögel und Schmetterlinge halten sich kurzfristig stabiler, folgen ab der Mitte des Jahrhunderts jedoch demselben Trend.

Im schlechtesten Szenario bewegen sich bis 2070 31 Vogelarten – rund 14 Prozent der Brutvögel Grossbritanniens – in Richtung Aussterben.

Zu den betroffenen Arten zählt der Merlin, der kleinste Greifvogel des Landes, ausserdem sieben der 56 heimischen Schmetterlingsarten.

Darunter sind der Berg-Mohrenfalter, der nur in hoch gelegenen Bereichen des Lake District und der Schottischen Highlands vorkommt, sowie das Grosse Wiesenvögelchen, ein Spezialist für Hochmoor-Lebensräume.

Besonders hart treffen die Veränderungen Arten aus den Hochlagen. Mit steigenden Temperaturen wandern geeignete Bedingungen hangaufwärts; kühle Hochmoor- und Gebirgsklimate werden dabei gegen die Gipfel zusammengedrückt.

Spezialisten, die an solche Bedingungen angepasst sind, können nicht weiter nach oben ausweichen. Die Modelle erwarten, dass diese Bestände zunächst ausdünnen und schliesslich verschwinden.

Bioklimate in Bewegung

Die Projektionen stützen sich auf das Konzept der Bioklimate – also auf die Verbindung aus Klima und der dazu passenden Artenkombination, die einen Ort charakterisiert.

Ein Hügelkamm wird demnach nicht allein über Temperatur beschrieben, sondern darüber, welche Arten diese Temperaturbedingungen überhaupt tragen können.

Ein Bioklima gilt als verschwunden, wenn seine heutige Kombination künftig nirgends mehr auf der Karte vorkommt. Umgekehrt entsteht ein neues Bioklima, wenn sich eine künftige Kombination mit keiner heutigen deckt.

Im ungünstigsten Pfad verschwinden pflanzenbezogene Bioklimate bis 2070 auf 72 Prozent der Fläche Grossbritanniens; neuartige Bioklimate bedecken dann 89 Prozent. Bei Schmetterlingen und Vögeln liegt die Flächenabdeckung eher bei einem Drittel.

Der entscheidende Haken: Ein in Modellen auftauchendes Bioklima wird erst dann Wirklichkeit, wenn Arten es auch tatsächlich erreichen.

In einem Land, das durch Strassen, Agrarflächen und Städte zerschnitten ist, dürften viele dieser potenziellen Kombinationen am Ende deutlich artenärmer ausfallen als projiziert.

Ein präziser Weg nach vorn

Ein nachhaltigerer Kurs kann die Kurven zwar abflachen, aber nicht vollständig glätten.

Gegenüber dem schlechtesten Szenario würde eine Eindämmung im Sinne des Pariser Abkommens die Zahl der auf Aussterben zusteuernden Pflanzen um 32 Prozent senken, bei Schmetterlingen um 14 Prozent und bei Vögeln um 20 Prozent.

Über alle drei Gruppen zusammengerechnet entspräche das 69 Arten weniger, die verloren gingen. Diese Verbesserung knüpft an Veränderungen an, die bereits in der Agrarpolitik und beim Konsum sichtbar werden.

Konkret würde der Bedarf an Fleisch- und Milchprodukten sinken, gemischter Wald zunehmen und Ackerland wieder in echte Wiederherstellung von Lebensräumen überführt.

Das internationale Ziel, Aussterberaten bis 2050 um den Faktor zehn zu reduzieren, verfehlt Grossbritannien jedoch in jedem Szenario – selbst im nachhaltigsten.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam bereits eine frühere Studie, die Klimawandel und Landnutzungsänderungen als Treiber von Artenverlusten untersuchte.

Ein Zeitfenster von 20 Jahren

Neu ist nicht, dass Grossbritanniens Biodiversität unter Druck steht – das ist seit Jahrzehnten bekannt.

Neu ist vielmehr die Gesamtschau in einem Modell, das Pflanzen, Schmetterlinge und Vögel gemeinsam abbildet.

Die Ko-Autorin Victoria Burton beschrieb das Problem als Frage der Geschwindigkeit. Erholung sei möglich, doch die Rückkehr nach Schäden dauere länger, als die Ziele bislang einplanen.

Hinzu kommt die Aussterbeschuld: Arten, die durch frühere Eingriffe faktisch bereits verurteilt sind, tragen dieses Risiko unabhängig von künftigen Massnahmen weiter.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die nächsten 20 Jahre entscheidend sein werden. Die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, werden Grossbritannien entweder auf einen Pfad beschleunigten Biodiversitätsverlusts oder auf einen Pfad der Erholung der Natur führen“, sagte Cooke.

Die anstehenden Anpassungen

Naturschutzbehörden verfügen nun über eine landesweite Karte, die zeigt, wo Bioklimate voraussichtlich verschwinden.

Als Schlüsselräume für Pflanzen treten die südlichen und östlichen Küsten hervor, während für Schmetterlinge und Vögel vor allem die Hochlagen zentral sind. Eine frühere Studie zu Arealverschiebungen in Grossbritannien zeigte ähnliche Muster.

Agrarpolitik, Planungsrecht und die Ausweitung von Schutzgebieten fallen in das 20-Jahre-Zeitfenster, das das Team identifiziert.

In welche Richtung diese Entscheidungen auch ausfallen: Sie setzen die langfristige Obergrenze dafür, wie viel der Biodiversität in Grossbritannien erhalten bleibt.

Arten wie der Merlin, der Berg-Mohrenfalter und das Brand-Knabenkraut prägen die Landschaften des Landes seit Jahrhunderten.

Ob sie auch in einem weiteren Jahrhundert noch dazugehören, hängt von Entscheidungen ab, die Grossbritannien noch nicht getroffen hat. Das Ergebnis bleibt an Beschlüsse gebunden, die weiterhin offen sind.

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