In Ländern, in denen Englisch Amtssprache ist, gibt es aufgrund der gemeinsamen britischen Kolonialgeschichte viele Parallelen. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass sich die Lebenserwartung zwischen diesen anglophonen Staaten deutlich unterscheidet.
Dabei ragt ausgerechnet ein Land besonders heraus: Australien liegt bei der Lebenserwartung klar vor den Vergleichsländern – vermutlich, weil das Gesundheitssystem leistungsfähiger ist und es im Verhältnis weniger Todesfälle durch Drogen und Schusswaffen gibt.
Datengrundlage und Fragestellung der Studie zu Lebenserwartung
Die Gesundheitswissenschaftlerin Rachel Wilkie von der University of Southern California und die Demografin Jessica Ho von der Pennsylvania State University haben gemeinsam ein detailliertes Bild der Lebenserwartung in wohlhabenden, englischsprachigen Ländern erstellt. Ziel war es, zu verstehen, wodurch die Spitzenreiter beim Thema Langlebigkeit ihren Vorsprung erzielen.
„Die Lebenserwartung in Ländern mit hohem Einkommen zeigt die Grenzen dessen, was in Kontexten mit hohem Lebensstandard und umfangreichen Ressourcen zur Verbesserung von Gesundheit und Wohlbefinden erreichbar ist“, schreiben Wilkie und Ho.
Verglichen wurden Daten aus den Jahren 1990 bis 2018 zu sechs einkommensstarken Staaten, in denen Englisch die dominierende Sprache ist: die Vereinigten Staaten, Kanada, das Vereinigte Königreich, die Republik Irland, Australien und Neuseeland. Die Daten stammen aus der WHO-Mortalitätsdatenbank sowie aus den jeweiligen nationalen Statistik- und Meldesystemen. Für den regionalen Vergleich flossen zusätzlich Informationen zu nicht englischsprachigen Ländern aus der Datenbank zur menschlichen Mortalität ein.
„Diese Länder teilen eine gemeinsame Sprache und einige kulturelle Ähnlichkeiten (z. B. Ernährung und Lebensstil) sowie aktuell und historisch hohe Ausprägungen von Einkommensungleichheit“, schreiben die Autorinnen. Dennoch führen diese Gemeinsamkeiten laut Studie nicht automatisch dazu, dass Menschen in diesen Staaten ähnlich lange leben.
Untersucht wurden die Lebenserwartung bei Geburt und mit 65 Jahren, der Einfluss von Alter und Todesursache auf die Lebenserwartung in den einzelnen Ländern sowie die Spannweite der Lebenserwartung innerhalb der jeweiligen geografischen Regionen.
Australien und Lebenserwartung: klarer Spitzenreiter
Über alle betrachteten Kennzahlen hinweg schnitt Australien am besten ab. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen lagen die Sterblichkeitsraten in fast allen Altersstufen niedriger als in den anderen Ländern – besonders ausgeprägt im Alter von 45 bis 84 Jahren.
„Australien ist der klare Spitzenreiter bei der Lebenserwartung bei Geburt und lag 2018 bei Frauen um 1.26–3.95 Jahre und bei Männern um 0.97–4.88 Jahre vor den Vergleichsländern“, schreiben die Forschenden.
Der Analyse zufolge hat Australien vor allem bei Todesfällen durch Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Krebserkrankungen, perinatale und angeborene Ursachen sowie durch Erkrankungen des psychischen und nervlichen Systems (etwa Alzheimer) einen Vorteil gegenüber den anderen untersuchten Staaten. Besonders deutlich zeigte sich dieser Vorsprung bei australischen Männern.
Die Autorinnen verweisen darauf, dass das geringere Sterberisiko bei diesen Ursachen „mit einer überlegenen Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems (z. B. Krebsscreening und -behandlung, Grippeimpfungen sowie Prävention, Diagnose und Behandlung kardiovaskulärer Erkrankungen)“ zusammenhänge.
Zusätzlich profitiert Australien davon, dass die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Schusswaffen und Drogenüberdosierungen im Vergleich zu anderen Ländern niedriger ausfällt.
Kanada, Irland, Vereinigtes Königreich, Neuseeland und die USA im Vergleich
Kanada, das ebenfalls für ein hochwertiges öffentliches Gesundheitssystem bekannt ist, wies im Zeitraum 1990 bis 2019 die zweithöchste Lebenserwartung bei Geburt auf. In jüngerer Zeit haben allerdings auch Neuseeland und Irland zu diesem Niveau aufgeschlossen.
Gerade in Irland zeigen die Trends deutlich nach oben: Über die ausgewerteten Jahre nahm die Lebenserwartung bei Geburt dort bei Männern um 8.29 Jahre und bei Frauen um 6.66 Jahre zu.
„[Die Republik] Irland verzeichnete zwischen 1990 und 2018 bemerkenswerte Zugewinne bei der Lebenserwartung“, schreiben die Autorinnen. „Anfangs hatten irische Männer und Frauen die niedrigste oder zweiniedrigste Lebenserwartung in dieser Ländergruppe; bis 2019 lagen sie auf Rang zwei (Männer) bzw. Rang drei (Frauen).“
Die Vereinigten Staaten lagen hingegen bei der Lebenserwartung bei Geburt seit 2001 in jedem Jahr auf dem letzten Platz und bildeten ebenso das Schlusslicht bei der Lebenserwartung mit 65 Jahren. Auf Basis der Daten von 2019 können australische Männer (bei Geburt) demnach mit fast 5 zusätzlichen Lebensjahren im Vergleich zu Männern in den Vereinigten Staaten rechnen.
„Insgesamt bietet Australien ein mögliches Modell für schlechter abschneidende anglophone Länder wie die USA und das Vereinigte Königreich, um sowohl vorzeitige Sterblichkeit zu verringern“, merken die Autorinnen an.
Regionale Unterschiede innerhalb der Länder
Nach Aufschlüsselung der Daten nach Regionen zeigten sowohl das Vereinigte Königreich als auch Irland nur geringe Unterschiede: Die Lebenserwartung war dort weitgehend unabhängig davon, in welcher Region man lebt.
Auch Australien schnitt bei der regionalen Gleichheit insgesamt gut ab – mit einer wichtigen Ausnahme: dem Northern Territory. Dort lebt ein hoher Anteil indigener Australierinnen und Australier, für die kürzere Lebenserwartungen bekannt sind, insbesondere in abgelegenen Gebieten wie dem Northern Territory. Als Grund nennt die Studie die vielen Belastungen, von denen First-Nations-Gemeinschaften überproportional betroffen sind, etwa eine höhere Krankheitslast.
„Bemerkenswert ist, dass in den meisten dieser Länder erhebliche Sterblichkeitsungleichheiten nach sozioökonomischem Status und geografischer Region bestehen und sich diese in den vergangenen Jahrzehnten tendenziell vergrößert haben“, schreiben die Autorinnen.
Diese Forschung wurde in BMJ Open veröffentlicht.
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